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Predigt zu Mt 28,18-20

2. Juli 2011

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der erste Satz einer Predigt fällt mir immer ungeheuer schwer. Das liegt nun nicht daran, dass ich nichts zu sagen hätte – das wäre auch tragisch, wenn man überlegt, dass ich noch ein paar Jahre diesen Job machen möchte… Es liegt daran, dass der erste Satz gut gewählt sein will. Kennen Sie das? Wenn Sie einen wichtigeren Brief oder eine offiziellere Email schreiben, dass Sie zu Beginn vor dem ersten Satz sitzen und in Starre verfallen? Mir geht es jedenfalls häufiger bei Predigten so. Der englische Schriftsteller Terry Pratchett erklärte es einmal so: Der erste Satz muss so geschrieben sein, dass der Leser oder Hörer auch den zweiten Satz wissen möchte… und dann den dritten, den vierten usw. Das fordert sehr viel von einem ersten Satz und es gilt – zumindest für mich – das Sprichwort: Aller Anfang ist schwer.

Ganz anders erscheint es mir allerdings mit dem gesprochenen und nicht geschriebenen Wort: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Satz? Gut, viele Eltern erinnern sich an das erste Wort Ihres Kindes, aber der erste Satz?

Im Leben geht es viel häufiger um die letzten Worte, die ein Mensch spricht. Diesen Worten wird so viel Bedeutung zugemessen, dass sie bei berühmten Personen sogar aufgeschrieben werden. Mark Twain fasst es meiner Meinung nach wunderbar zusammen:

Ein Mann, der etwas auf sich hält, sollte seine letzten Worte beizeiten auf einen Zettel schreiben und dazu die Meinung seiner Freunde einholen. Er sollte sich damit keinesfalls erst in seiner letzten Stunde befassen und darauf vertrauen, dass eine geistvolle Eingebung ihn just dann in die Lage versetzt, etwas Brillantes von sich zu geben und mit Größe in die Ewigkeit einzugehen.

Große Worte von bedeutenden Personen kurz vor ihrem Tod noch ausgehaucht und mit gewichtiger Bedeutung.

Und so gibt es eine ganze Reihe von überlieferten letzten Worten.

Es gibt da die knappen Ausrufe wie z.B. Goethes: „Mehr Licht“ oder die Fehlannahme von H.G. Wells: „Mir geht es gut.“

Es gibt die Zyniker, die ihren letzten Atemzug noch für eine bittere Bemerkung oder einen Scherz verwenden. So sagte Churchill: „Alles langweilt mich.“ Oder Bertholt Brecht: „Lasst mich in Ruhe!“ Berühmt auch die Worte des zum Tode verurteilten Mathias Kneißl, der kurz vor seiner Hinrichtung an einem Montag seufzte: „Die Woche fängt gut an.“

Es gibt auch die Heldenhaften wie Konrad Adenauer: „Da gibt es nichts zu weinen.“ Oder Kaiser Augustus: „Das Spiel ist zu Ende, Applaus!“

Und schließlich gibt es jene, die noch einmal Vertrauen und Liebe äußern. So sagte der Sherlock Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle als letztes zu seiner Frau: „Du bist wunderbar!“ Und Martin Luther: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“

Das waren einige Beispiele, deren Liste sich noch beliebig fortführen ließe. Doch eines ist klar: Letzte Worte haben ihr Gewicht, denn es sind die letzten Worte. Es sind endgültige Worte – man kann sie nicht mehr erklären und auch nichts mehr davon zurück nehmen.

Denn letzte Worte sind wie ein kleines Testament der Person, die sie spricht – nicht umsonst haben Wünsche und Versprechen am Sterbebett eine besonders hohe emotionale Bedeutung. Und da liegt es doch nahe, sich einmal den „letzten Worten“ Jesu zuzuwenden und zu schauen, was er zu sagen hat. Schlägt man das Matthäusevangelium auf der letzten Seite auf und schaut man sich die letzten Verse aus dem 28. Kapitel an, so findet man dort auch tatsächlich Worte Jesu:

„Und Jesus […] sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Es sind die Worte, die wir eben zur Taufe bereits gehört haben. Diese Worte sind die letzten Worte Jesu in diesem Evangelium. Und es sind großartige letzte Worte. Jesus kommt noch einmal groß in Fahrt: Erst lässt er keinen Zweifel daran, dass er der Herr über alles ist, sei es im Himmel oder auf Erden. Danach beauftragt er seine Jünger sein Anliegen – seine Botschaft – nämlich das Evangelium zu verbreiten und in alle Welt zu tragen. Er fordert von seinen Jüngern die Taufe aller im Namen des dreieinigen Gottes. Und schließlich spricht er seinen Beistand zu, seinen Beistand über alle Zeiten hinaus bis in unsere Gegenwart. Die Zusammenfassung von Jesu letzten Worten wäre also: Jesus hat Macht, die Jünger sollen das Evangelium verbreiten und taufen und Jesus verspricht seine Gegenwart. Wie gesagt: Gute letzte Worte…

Aber.

Es gibt einen Unterschied zwischen den letzten Worten der Prominenten, die ich eben zitiert habe, und den „letzten Worten“ Jesu. Und dieser Unterschied ist mir ungeheuer wichtig. Die Worte, die im Matthäusevangelium überliefert sind, spricht Jesus nach seinem Tod. Es sind die Worte des Auferstandenen. Die Berühmtheiten mussten Worte wählen, die zu ihrem Leben einen guten Abschluss bildeten. Jesus spricht diese Worte nachdem er den Tod überwunden hat. Der Befehl zur Taufe und zur Verkündigung ist nicht Jesu letztes Wort. Und dadurch bekommen seine Worte einen ganz neuen Glanz: Es geht nicht darum für Jesus einen guten Abschluss zu finden. Es geht um einen Aufbruch. Um einen neuen Anfang. Es geht um die Zusage der absoluten Nähe Jesu zu den Menschen über sein irdisches Leben hinaus.

Churchill kann heute nichts mehr ausrichten. Auch Augustus ist Geschichte. Mögen Brecht und Luther noch so bedeutende Menschen gewesen sein – ihre Botschaft ist abgeschlossen. Jesu Botschaft hingegen ist lebendig. Seine letzten Worte weisen über die Lebzeit Jesu hinaus in unsere Gegenwart heute. Die Aufforderung an seine Jünger, die frohe Botschaft und Jesu Lehre in der Welt zu verkünden gilt uns noch heute. Und die Überwindung des Todes – der Tod des Todes wird auch heute in der Taufe symbolisiert. Wir taufen noch heute Kinder und Erwachsenen im Vertrauen darauf, dass diese Worte Jesu nicht seine letzten gewesen sind. Jesus hat uns heute noch etwas zu sagen und wir zeigen unsere Verbundenheit zu ihm in unserer Taufe. So bin ich sehr froh, dass wir in diesem Gottesdienst getauft haben und so uns – auch für uns selbst – dieser Zusage von Nähe Jesu bewusst sein dürfen.

[Jesu Zuspruch bei uns zu sein und zu bleiben bis in alle Ewigkeit wird auch im anderen Sakrament unserer Kirche – im Abendmahl erkennbar. Und so ist es wirklich wunderbar, dass wir in diesem Gottesdienst auch gemeinschaftlich dieses Mahl feiern werden. Im Abendmahl sind wir über alle Zeiten mit Christus und allen Christen verbunden. Kaum anderswo ist diese Gemeinschaft und Nähe so deutlich betont wie dort.]

Jesu letzte Worte sind kein Ende, sondern ein Anfang. Dadurch werden die Worte Jesu nicht weniger kräftig. Vielmehr zeigen sie uns, dass es bei Gott keine letzten Worte gibt. Dass Gottes Beziehung zu den Menschen kein Ende nimmt. Jesus hatte „letzte Worte“. Er sprach sie am Kreuz seine letzten Worte zu Lebzeiten haben sich tief in das Gedächtnis seiner Jünger gebrannt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Jesus hat die absolute Verlassenheit und Verzweiflung des Todes leibhaftig erfahren. Jesus hat am Kreuz sein Leben beendet. Er starb unter Qualen und sein Leben war Geschichte. Wäre es bei diesen letzten Worten geblieben, so wäre Jesus für uns heute vielleicht noch ein Vorbild an Tugend oder ein weiser Lehrer. Vielmehr hätte sein Leben für uns heute 2000 Jahre später nicht an Bedeutung.

Aber Jesu Aufforderung zur Taufe kommen Christen seit fast 2000 Jahren nach und Christus ist auch heute in unserer Gemeinschaft lebendig und gegenwärtig. Das Kreuz Jesu war nicht das letzte Wort Gottes zu Jesus. Gott hat seinen Sohn von den Toten auferweckt und damit uns die Hoffnung gegeben, dass wir durch die Taufe und die Liebe Gottes nicht mit unserem Tod unser letztes Wort vor Gott gesprochen haben.

Und so schließe ich mich gern den letzten irdischen Worten vom großen Religionskritiker Karl Marx an, der sagte: „Hinaus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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