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Predigt an Estomihi (Einführung und Begrüßung der neuen Mitarbeitenden in den KiTas)

14. Februar 2015

Predigt zu Psalm 139

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Mitarbeitende in den KiTas,

in der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst haben wir uns entschieden, vom eigentlichen Predigttext für diesen Sonntag Abstand zu nehmen. Der Anlass, nämlich die eben durchgeführte Einführung und Segnung passte so gar nicht zum Predigttext, es war nämlich die Leidensankündigung Jesu. Es geht ja hoffentlich nicht um zu erwartendes Leid in den KiTas. Vielmehr ergab es sich ganz zufällig, dass der Psalm 139, aus dem wir zu Beginn bereits ein Stück gemeinsam gesprochen haben, sich als Motiv für diesen Gottesdienst anbot und so lesen Sie auf Ihrem Liedblatt vorn auch einen Vers aus dem Psalm: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Dieser Vers ist so etwas wie die Zusammenfassung dieses Psalms, der eine wunderbare poetische und bildreiche Sprache hat und der mich schon eine lange Zeit in meinem Leben begleitet.

Ich möchte Ihnen ein bisschen davon erzählen, wie mir dieser Psalm begegnet ist und damit den Psalm von verschiedenen Richtungen betrachten.

Das erste Mal begegnete mir der Psalm – zumindest bewusst – im Jahr 1996, also vor fast 20 Jahren. Ich war 14 Jahre alt und Teilnehmer auf einer Jugendfreizeit des CVJM Versmold in Schweden. Dort gab es morgens immer eine Andacht und eines der Lieder – das sehr schnell zum Schlager der Freizeit wurde – war eine Vertonung dieses Psalms. Es begann mit „Nähme ich Flügel der Morgenröte“.

Sowohl die Melodie als auch die etwas kitschigen Formulierung haben irgendetwas in mir angesprochen – ich weiß gar nicht mal so sehr was. Aber in diesem Alter ist man ja auch grundsätzlich nur begrenzt in der Lage, die eigenen Hormone, Stimmungen und den Geschmack zu verstehen oder zu erklären.

Ich wusste gar nicht dass es ein Psalm war, der dort in eine Melodie gepackt worden war, aber es war ein schöner Gedanke für mich, dass Gott da ist. In der Phase, in der ich langsam versuchte mich von meinem Elternhaus innerlich zu lösen und langsam erwachsen zu werden, war es irgendwie schön, dass mich trotz meiner Loslösung jemand an der Hand hält und dass jemand mein Gefühlschaos versteht, auch wenn ich es selbst nicht so recht verstehe. Das hörte ich in den Worten des Psalms: Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich brauche Gott nichts zu erklären. Ich muss meine Stimmungen nicht rechtfertigen oder erklären, was ich denke, fühle oder meine. Gott kennt mich einfach. Und das war nicht nur für mich als Jugendlicher ein wunderbares Gefühl. Wer einen Partner hat, der genau im richtigen Moment genau das Richtige sagt – was Männern angeblich ausgesprochen selten gelingt – und der dann sagt: Ich kenne dich doch. Dann ist dieses vertraute Kennen ein schönes Gefühl – ich hoffe Sie kennen es.

Jahre später habe ich plötzlich verstanden, dass es sich bei dem Lied um einen Psalm aus der Bibel handelte und ich erinnere mich, dass es Menschen gab, die den Psalm nicht mochten. Da ich aber so gute Gefühle und Erinnerungen mit diesem Psalm verband war ich natürlich sehr empört über diese Ablehnung und versuchte den Psalm zu verteidigen. Ich will keine Namen nennen, aber ich habe schon manche heftige Diskussion über Wert und Unwert dieses Psalms – gerade am Anfang meines Studiums gehabt. Dabei leugne ich nicht, dass mir die Argumente des Widerspruchs durchaus verständlich waren. Sie meinten, wenn man den Psalm liest, bekäme man das Gefühl von einem göttlichen Überwachungsstaat. Sie können ja die Verse in Ihrem Liedblatt daraufhin noch einmal lesen – oder vielleicht haben Sie ja auch einen ähnlichen Gedanken gehabt.

Denn gerade jetzt, wo wieder über Vorratsdatenspeicherung gesprochen wird, wo Facebook seit dem 1.2. mehr Zugriff auf das eigene Internet-Verhalten hat und Whatsapp regelmäßig ausspioniert wird, ist es ein großes Thema, wieweit wir uns eigentlich überwachen lassen wollen. Die Antwort ist eigentlich: gar nicht. Wir nehmen sie in Kauf, wenn es der Terrorabwehr dienen soll oder wir sonst auf große Annehmlichkeiten verzichten müssten – und im Gefühl sind wir ja noch weit von George Orwells „Big Brother“ – Überwachungsstaat entfernt. Doch das Gefühl, beobachtet zu werden ist nicht angenehm – solange man nicht Teil einer Fernsehsendung sein will, im Dschungel oder auf dem Weg zur Modelkarriere.

Nun spricht der Psalm genau von so einer absoluten Überwachung, die nicht einmal RTL, Facebook oder das BKA erreichen:

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Nicht einmal am Ende der Welt oder im Tod verliert uns Gott aus dem Blick. Nirgends hat man vor ihm seine Ruhe und Privatsphäre. Dieser Gedanke war es, der vielen Menschen nicht gut gefällt und der mir dann begegnete.

Liebe Gemeinde,

wie ist es für Sie, wenn Sie hören, dass Gott jeden Ihrer Gedanken kennt? Wenn Gott jeden Moment ihres Lebens mitbekommt?

Ein Theologe hat einmal gesagt, beim jüngsten Gericht würde es schon ausreichen, wenn jeder unserer gemeinen Gedanken und Lästereien vor denen laut ausgesprochen würde, denen sie galten – es wäre Strafe genug.

Gott kennt uns, er sieht, wo unsere Fassade nicht echt ist, wo wir schlecht von Menschen denken und gleichzeitig Freundschaft vorspielen. Er kennt unsere Eifersucht, unseren Neid und unsere tiefsten Verletzungen. Möchten Sie das?

Ich fühle mich auf einmal sehr verletzlich und bloßgestellt, wenn ich daran denke, dass Gott alles über mich weiß, jedes Geheimnis und jede Angst. Und niemand möchte gern verletzlich sein.

Dieser Einspruch gegen den Psalm hat mich damals ein bisschen von meiner Euphorie für das Lied abgebracht.

Ich kann Gott nicht entkommen – er sieht mich immer. Ich kann Gott nichts vormachen – niemals. Das ist schwer auszuhalten.

Liebe Gemeinde,

ich glaube in diesen Extremen – meine jugendliche Begeisterung und die Angst vor absoluter Überwachung – ist irgendwo der Psalm tatsächlich zu finden. Man könnte es auch so sagen: Es geht um Nähe und Distanz. Wir brauchen beides für ein gutes Leben und eine gute Beziehung. Bei Frischverliebten – um die es gestern ja am Valentinstag ging – ist die Distanz eher unwichtig. Dafür braucht man bei beruflichen Beziehungen eher keine Nähe. In jeder Beziehung geht es um die Balance zwischen beiden und auch in der Beziehung zu Gott scheinen wir diese Balance zu suchen.

Sicher ist es gut, dass Gott uns nahe ist. Aber wir wollen auch unsere Freiheit. Und diese Balance hält der Psalm nicht ein. Es gibt keine Distanz zu Gott.

Nun war meine letzte Begegnung mit dem Psalm eine Beerdigung am vergangenen Freitag. Wie durch Zufall – Gottes Wege sind unergründlich – war der Vers, den Sie vorn auf dem Liedblatt finden auch der Konfirmationsspruch der Verstorbenen. Als ich die Beerdigungsansprache schrieb merkte ich, dass diese absolute Nähe Gottes überhaupt nichts Bedrohliches oder Ängstigendes hat. Sondern es war auch für mich ein großer Trost – wir sind selbst im Sterben nicht allein. Und mir wurde noch einmal klar, warum manche die Distanz zu Gott suchen. Ich glaube, es ist eine Unzufriedenheit mit sich selbst. Denn wenn unsere Gedanken und Taten alle salonfähig wären, würde es wahrscheinlich nicht stören, wenn Gott sie kennt. Aber Viele spüren Schuld, Scham oder Hilflosigkeit, wenn sie sich mit ihrem Innenleben beschäftigen.

Manche Menschen sind so gut darin, diese dunkeln Stellen in sich zu verbergen, dass sie selbst nichts mehr von Ihnen wissen. Aber häufig bleibt da eine Ahnung, dass es da etwas Dunkles gibt – und eine große Sorge, dass dieses Dunkle ans Licht kommen könnte.

Und ich glaube jeder Mensch hat Geheimnisse und einen guten Grund für sich, warum es Geheimnisse sind. Ein häufiger Grund ist die Angst davor, in der Öffentlichkeit oder schlimmer noch im Kreis der Liebsten schlecht dazustehen. Die Angst, nicht mehr gemocht zu werden, wenn die Anderen wüssten, was man gedacht oder getan hat. Dann wird eine Distanz aufgebaut – erst einmal zu sich selbst, aber häufig auch zu den anderen. Und daraus entstehen dann zahlreiche Konflikte, Streit und leider auch häufig psychische oder gar körperliche Erkrankungen. Die Wartezimmer der Ärzte und Therapeuten sind voll von Menschen, die eine innere und äußere Distanz aufgebaut haben wie Schutzmauern vor Verletzung und Traurigkeit.

Liebe Gemeinde,

Gott übergeht diese Angst. Er überwindet die Distanz. Und das Erstaunliche ist: Er liebt uns trotzdem. Trotz allem, was wir selbst an uns nicht mögen, trotz jedes Gedankens, jeder Tat und jeder Verletzung. Vor ihm stehen wir vollkommen offen und unverstellt. Und Gott liebt uns. Der Psalm drückt es so aus: Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

Gott geht von sich aus nicht auf Distanz, sondern bleibt vielmehr ganz nah. Weil er weiß, dass wir ganz allein verloren wären. Weil Gott weiß, dass uns seine Nähe gut tut, wenn wir uns auf ihn einlassen. Gott ist da, nichts kann uns trennen von ihm.

Er liebt uns ohne Bedingung und ohne Abrechnung unserer Taten. Nur wir müssen uns überlegen, ob wir diese wohltuende Nähe an uns heranlassen, ob wir bereit sind, unsere Schutzmauern zu öffnen – es lohnt sich auf jeden Fall, denn bei Gott wird uns nichts Schlimmes passieren. Und mir hilft es auch immer wieder darüber nachzudenken, dass Gott meine Gedanken kennt und ob ich möchte, dass Gott gerade mitbekommt was ich tue. Denn wenn ich ihn in meiner Nähe zulasse, dann werde ich sensibler für das was ich tue und denke – ich kann es nämlich nicht verbergen.

Und das führt dann mit dazu, dass ich offener mit meiner Welt umgehe, dass ich mutiger über meine Schwächen reden kann und mit vollem Vertrauen selbst in den traurigsten Momenten mit den Menschen zu Gott beten kann: Von allen Seiten umgibst du mich

und hältst deine Hand über mir. Und ich kann immer wieder und heute besonders ihnen und euch zusagen und predigen:

Du wirst geliebt, genauso wie du wirklich bist, und du bist nicht allein – niemals.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsre Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt zur Ordination

17. Januar 2015

Predigt zu Mt 3,13-17

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den ersten Sonntag nach Epiphanias ist im Liedblatt abgedruckt – es ist die Taufe Jesu, wie sie im Evangelium nach Matthäus überliefert ist. Auch wenn Sie ihn vorliegen haben, lese ich ihn noch einmal vor:

Auch Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes wehrte sich entschieden dagegen: „Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?“ Aber Jesus gab ihm zur Antwort: „Lass es für diesmal geschehen! Es ist richtig so, denn wir sollen alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.“

Da willigte Johannes ein.

In dem Augenblick, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser stieg, öffnete sich über ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und aus dem Himmel sprach eine Stimme: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.“

Liebe Gemeinde,

so bekannt der Text sein mag, so viele Fragen wirft er auch auf. Die wichtigste und vielleicht schwerste Frage des Textes meiner Meinung nach ist ganz schlicht:

Warum lässt sich Jesus taufen?

Auch Johannes der Täufer stellt Jesus diese Frage, als dieser ihn bittet getauft zu werden.

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen werde ich den Text noch einmal gründlicher betrachten und erst einmal ausschließen, was nicht der Grund für Jesu Taufe ist.

Zunächst einmal: Jesus wollte nicht Mitglied einer Kirche werden, Pate sein oder kirchlich heiraten – gute Gründe, weshalb sich Menschen heute taufen lassen.

Also warum ließ er sich taufen?

Vielleicht um den Geist Gottes zu bekommen?

Dieser Gedanke liegt näher, weil beschrieben wird, dass der Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabkam. Doch ich glaube nicht, dass Jesus zuvor ohne Gottes Geist gewesen ist. Er wurde auch nicht erst in der Taufe von Gott anerkannt als sein Sohn, denn die himmlische Stimme sagt nicht: „Du bist mein geliebter Sohn…“ sondern „Dies ist mein geliebter Sohn,….“ Jesus wird nicht von Gott durch die Taufe berufen oder anerkannt.

Sollten vielleicht die umstehenden Menschen durch die Taufe erkennen, dass Jesus Gottes Sohn ist?

Auch das scheidet für mich aus, denn – zum Beispiel – Johannes weiß schon vor der Taufe sehr wohl, mit wem er es zu tun hat, denn er weigert sich zunächst Jesus zu taufen. Und für alle anderen unbekannten Umstehenden scheint die Taufe Jesu keine Relevanz zu haben – zumal im Text auch steht, dass Jesus selbst den Geist Gottes auf sich herabkommen sieht und nicht die umstehende Menge.

Die Frage bleibt: warum ließ sich Jesus taufen?

Liebe Gemeinde,

Jesus selbst gibt die Antwort. Er sagt zu Johannes: „Es ist richtig so, denn wir sollen alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.“

Durch Jesu Taufe wird etwas erfüllt, was Gottes Gerechtigkeit fordert, darum lässt er sich taufen.

Die Antwort auf die Frage wäre also da. Nur finde ich die Antwort immer noch schwer zu verstehen. Was bedeutet nämlich Gottes Gerechtigkeit tatsächlich und welche Forderung ist damit verbunden?

Meiner Meinung nach hat Gerechtigkeit zwei Seiten. Sie ist ein Versprechen an uns und eine Aufgabe für uns.

Zum einen ist Gerechtigkeit ein Versprechen Gottes.

Wir sehnen uns so sehr nach Gerechtigkeit – schon von Kindheit an. Wie häufig höre ich meine Kinder lamentierend klagen – das ist ungerecht. Sei es, dass sie meinen zu wenig zu bekommen oder nicht länger aufbleiben zu dürfen.

Doch Gerechtigkeit bedeutet mit zunehmendem Alter noch mehr und geht über die direkten Bedürfnisse der Kindheit hinaus. Sie ist ein tiefes Sehnen nach Heil- und Ganzsein, nach Ausgleich und Frieden.

Denn Gerechtigkeit meint, dass das Erlebte zu dem passt, was wir erwarten. Wenn wir Unrecht erleben, entsteht Wut, Enttäuschung, Frustration und im schlimmsten Fall Verzweiflung. Die Beispiele dafür sind zahllos privat wie öffentlich: Was soll mit den Menschen geschehen, die anderen geschadet haben – die uns verletzt haben? Wie sollte mit Attentätern und Extremisten wie gerade in Paris umgegangen werden? Oder wie mit den Hassparolen-Rufenden, die offen ihre Aggression herausschreien und ihr rechts- oder linksradikales Gedankengut den Menschen aufdrängen? Es muss doch etwas Ausgleichendes stattfinden, das unsere Welt wieder ins Gleichgewicht bringt und den Schmerz lindert, oder nicht?

Und doch erleben Menschen immer wieder, dass dieses Gleichgewicht nicht wiederhergestellt wird. Wunden des Körpers und der Seele werden vielleicht zu Narben, doch sie verschwinden nicht. Selbst die Todesstrafe macht einen Mord nicht ungeschehen und wird auch keine Genugtuung bringen. Wer überwindet Verlust und Trauer durch Vergeltung?

Die Sehnsucht nach innerem Frieden scheitert häufig am Gefühl der erlebten Ungerechtigkeit. Ja selbst der Glaube gerät am stärksten ins Wanken, wenn wir Ungerechtigkeit erleben. Die Frage ist immer: „Warum lässt Gott das zu?“ Und gemeint ist damit meistens: Warum passiert Unrecht, wo ist da Gerechtigkeit?

Liebe Gemeinde,

diese Gerechtigkeit, die wir uns so sehr wünschen, gibt es in der Welt nicht. Aber sie ist Teil von Gottes Reich, das noch werden muss. Deshalb ist Gottes Gerechtigkeit, wie gesagt, das Versprechen Gottes, das wir einmal wieder heil sein werden. Vielleicht nicht mehr im Leben und sicher nicht mit Vergeltung – aber mit absolutem Gleichgewicht und Frieden für jeden von uns. So heißt es passend in der Bergpredigt, nur zwei Kapitel nach dem Predigttext: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. (Mt 5,6) Wir werden diese Gerechtigkeit bekommen, nach der wir uns sehnen.

Die andere Seite von Gottes Gerechtigkeit, die ich angesprochen habe und die auch in Jesu Worten zu finden ist, ist eine Forderung an uns: Tut, was Gott von euch verlangt, denn Gott fordert es mit Recht ein. Für die Gerechtigkeit Gottes einzustehen ist eine Forderung an alle Menschen – auch hierfür ist die Bergpredigt ein Beleg: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. (Mt 5,10) Gerechtigkeit und Himmelreich sind auch hier ganz eng verbunden mit der Forderung Gerechtigkeit zu üben.

Nur was fordert die Gerechtigkeit Gottes von uns, liebe Gemeinde? Was meint Jesus an anderer Stelle, wenn er sagt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. (Mt 6,33)

Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass die Gerechtigkeit Gottes vor allem eins fordert:

Erkenne an, dass Gott Gott ist, nicht du.

Oder schöner formuliert mit dem ersten Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Alles weitere folgt, fällt uns zu.

Die Gerechtigkeit Gottes fordert eine Haltung von uns und zwar die einzige, die Gott gegenüber angemessen ist: Demut.

Keine geheuchelte Demut oder eine Unterwürfigkeit, genauso wenig ein fishing-for-compliments, sondern die Anerkennung, dass wir nicht die Herrscher sind, sondern dass Gott der Herr über Leben und Tod ist. Dass unsere Pläne immer nur soweit gelingen, wie sie in Gottes Plan aufgehen.

Dass wir keine Angst vor Fremdem haben müssen, weil Gott an unserer Seite ist. Dass wir nicht nach Rache und Vergeltung schreien müssen, weil so niemals Frieden entstehen wird, sondern Gott um Frieden bitten und statt Ausgleich zu erkämpfen an seiner Gerechtigkeit mitarbeiten.

Ich habe immer wieder, gerade auch in der Notfallseelsorge erlebt, dass es keine Selbstverständlichkeiten in unserem Leben gibt. Ich habe erlebt, wie zerbrechlich Leben, Freundschaft und Liebe ist und was für ein unvorstellbares Geschenk jede Lebensminute ist.

Die Aufforderung zur Demut wäre also die andere Seite der Gerechtigkeit Gottes.

Es ist beides, Geschenk und Verheißung von Heilsein auf der einen Seite und Aufforderung zu demütiger Annahme von Gottes Plan für unser Leben.

Soweit mein Verständnis von Gottes Gerechtigkeit im Matthäus-Evangelium.

Nun schauen wir noch einmal zurück zur Taufe Jesu: Diese doppelte Gerechtigkeit soll erfüllt werden, sagt Jesus.

Und genau das geschieht auch in seinem Leben, vom Moment der Taufe an. Er ordnet sich unter und zeigt Dankbarkeit. Er nimmt trotz seiner Göttlichkeit die demütige Haltung an, die Gott von uns fordert und baut den Grundstein für das kommende Reich Gottes.

Mit der Taufe gibt sich Jesus in Gottes Hand. Er nimmt freiwillig und symbolisch seinen Auftrag von Gott an. Vielleicht hat er für diesen Schritt so viele Lebensjahre gebraucht, vielleicht musste er sich überwinden. Denn hier beginnt sein Weg zum Kreuz, den er kennt oder zumindest erahnt. Er bleibt der Forderung Gottes treu bis in den Tod.

Er predigt die Gerechtigkeit Gottes und riskiert mit seinem Auftreten seine Verurteilung. Er nimmt sein Schicksal aus Gottes Hand entgegen. Im Garten Gethsemane wird er beten: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Auch wenn er sich anderes wünscht, bleibt er auf seinem Weg, den er mit der Taufe eingeschlagen hat. Die Taufe wird zum Zeichen, dass Jesu Bereitschaft seinen Weg zu gehen von Gott dem Vater angenommen wird.

„Es ist richtig so, denn wir sollen alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.“

Liebe Gemeinde,

ein kleines Wort geht nun noch über das bisher Gesagte hinaus. Jesus sagt nicht „ich soll alles erfüllen, was Gottes Gerechtigkeit fordert.“ Jesus sagt „wir sollen alles erfüllen“.

Für alles bisher Erwähnte würde ein „ich“ reichen, denn Jesus erfüllt ohne Einschränkung den Willen Gottes.

Wie ist es aber nun mit dem „Wir“, liebe Gemeinde?

Meint er damit nur Johannes den Täufer? Ich denke nicht.

Wie ist also ihre Haltung zu Gott?

Wir sind nicht Jesus[1] – und das ist gut so, aber wie stehen wir zu dem, was Gottes Gerechtigkeit uns verspricht und zugleich fordert?

Ich kann für niemanden von Ihnen sprechen, liebe Gemeinde, aber mir ist bewusst, dass zumindest ich sehr oft an dieser Forderung scheitere. Wenn die Nerven an ihr Ende kommen, gerade zum Ende der Feiertage und Schulferien.

Besonders bemerke ich mein Scheitern, wenn ich meine mich auf mich allein zu verlassen und mein Glück an meine Leistungen binde. Viele Berufe verleiten dazu und viele life-Coaches empfehlen die Optimierung der eigenen Leistung für ein erfülltes Leben. Ich scheitere sogar manchmal an dem Vertrauen auf Gottes Versprechen seiner Gerechtigkeit – Wird wirklich alles einmal heil?

Doch ich habe immer wieder erfahren, wie es mir gut tut, wenn ich diese Demut in mir spüre. Ich weiß, eine Haltung kann man nicht erzwingen, aber man kann sie einüben. Und wenn ich für einen Moment die Haltung einzunehmen vermag, die Jesus mit seinem ganzen Tun und Reden vorgelebt hat. Wenn ich spüre, dass ich im Letzten keine Verantwortung habe und dass ich nicht mein Schicksal und auch nicht das der Menschen bestimme, die mich umgeben.

Vielleicht klingt es ungewohnt, doch ich erlebe, dass Demut für mich eine große Befreiung bedeutet. Denn gegen jede erlebte Ungerechtigkeit in der Welt, sei es im Privaten oder in der Weltpolitik, steht das Versprechen Gottes von seinem Reich, in dem alles heil sein wird.

Und das tröstet mich und gibt mir Kraft, zu versuchen auch meinen Beitrag dazu zu leisten, dass Gottes Gerechtigkeit in dieser Welt mehr Raum bekommt, dass die Botschaft des getauften Christus nicht verstummt.

Nicht um eine Leistung zu erbringen, sondern aus einer Leichtigkeit und befreiten Energie heraus, die ich aus nichts anderem schöpfen kann.

Liebe Gemeinde,

dieses Gefühl von Befreiung und Leichtigkeit der Seele wünsche ich Ihnen und Euch von Herzen – denn darin wird die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in der Welt gestillt. Gott befreit uns von unserer Angst und nimmt uns die Last. Und mit diesem langen Vorlauf und meinen Erklärungsversuchen kann ich dank des Predigttextes sagen: Ich sehe das Unrecht in dieser Welt, ich spüre die Verletzungen, die das Leben immer wieder bereithält. Ich kenne meine dunklen Seiten und erlebe immer wieder Schlechtes in der Welt, aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

[1] Betonte auch der Superintendent noch einmal bei unserem Vorgespräch.

Der Hirte, der nicht da war – Predigt zur Krippe an Neujahr

30. Dezember 2014

Ben ist mein Name. Ich bin Hirte, wie jeder in meiner Familie. Wahrscheinlich war meine Familie schon zu Abrahams Zeiten Viehhirten gewesen, wir wachsen fast mit den Lämmern zusammen auf. Wahrscheinlich kann ich von Glück reden, dass ich nicht mit geschoren wurde. Es ist schön, dass jemand nachfragt, wie es für mich war, denn ich werde gern übersehen. Ich habe mich daran gewöhnt. Als Hirte ist man eh ein Außenseiter und hat wenig mit anderen zu tun. Aber ich war nicht einmal bei der einen großen Sache dabei, die nun die Runde macht.
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen – ich war schon mit auf dem Feld, als plötzlich der Himmel voller Engel war… Aber vielleicht erzähle ich besser der Reihe nach.
Wie gesagt: Ich bin Hirte und war mit meinen Brüdern, meinem Onkel und dessen Schwager auf dem Feld vor Bethlehem. Es war so wie jede Nacht. Wir hatten die Schafe zusammengetrieben und saßen am Feuer. Eigentlich ganz gemütlich und entspannt. Mein jüngster Bruder Jona blies auf der Flöte, meiner alter Onkel erzählte, wie viel gefährlicher es früher als Hirte gewesen war, als er noch so jung war wie wir. Er erzählt von Löwen und Bären, die er mit bloßen Händen erlegt hatte und sein Schwager sitzt lachend daneben und schüttelt regelmäßig und bedeutungsvoll mit seinem Kopf, wenn mein Onkel von seinen Kämpfen erzählt.
Der Tag war ohne große Anstrengung verlaufen. Wir hatten guten Weidegrund für unsere Schafe gefunden und irgendwie hatten wir uns nicht von der allgemeinen Unruhe in den Städten anstecken lassen. Bethlehem platze gerade aus allen Nähten, weil der römische Kaiser beschlossen hatte, dass wir uns zählen lassen müssen. Ich kann es ihm nicht verübeln – schließlich zählen wir auch immer wieder unsere Schafe nach…
Gerade als wir müde wurden und meine Brüder darüber stritten, wer die erste Nachtwache übernehmen sollte, geschah es. Aus dem Nichts war der Himmel so hell wie der Tag. Ich fiel von dem Stumpf, auf dem ich gesessen hatte und hielt mir die Hände vor die Augen. Mein Onkel schrie auf und mein jüngster Bruder begann schlagartig zu weinen. Selbst mit den Händen vor den Augen blendete das Licht, von dem auch die Wärme der Sonne ausging. Dann hörten wir die Stimme. Eine unbeschreibliche Stimme, die mich an die Stimme meiner Mutter erinnerte, wenn ich als Kind nicht einschlafen konnte. Voll Liebe und Wärme und gleichzeitig mit einer unglaublichen Überzeugungskraft und Stärke. Die Worte, klangen, als würden sie direkt in unseren Herzen klingen und nicht erst den Weg über die Ohren suchen. Niemals werde ich diese Worte vergessen können. Als wäre alles gut, als gäbe es keine Sorgen und keine Not mehr, so füllten mich die Worte aus und machten meine Seele leicht. Ich ließ die Hände sinken und hörte auf die Worte: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Danach brach der Himmel auf und war voller Engel – es war eine Schönheit, die mit keinem Glück auf Erden vergleichbar ist. Manchmal, wenn ich die Augen schließe habe ich das Gefühl, den Lichtabdruck dieses Momentes auf meinen Augenliedern zu sehen. Die Engel sangen und mein Herz sprang vor Glück, vor Seligkeit und vor Aufregung. Sie sangen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Der Moment war unendlich lang und doch zugleich viel zu kurz. So wie das Licht und die Pracht erschienen waren, so schnell war alles wieder vorbei. Die Herde war unruhig geworden und blökte, meine Brüder waren still und starr. Als ich zu ihnen herüber sah, da blickte ich in verzückte und glänzende Gesichter, die noch immer zum Himmel schauten, als wollten sie nur mit ihrem Blick den Moment zurückbeschwören.
Ich musste mich räuspern um überhaupt einen Ton herauszubekommen und selbst so dauerte es noch eine Zeit, bis ich den ersten Laut herausbrachte. „Wir müssen…“, sagte ich und riss damit meine Brüder, meinen Onkel und seinen Schwager aus der Trance. Ich kam auch gar nicht mehr dazu weiter zu sprechen, den plötzlich brach eine große Hektik aus. Mein Bruder Gideon rief: „Wir müssen dorthin! Wir müssen zu dem Stall!“ Alle sammelten hektisch zusammen, was sie mitzunehmen gedachten. Mitten in die Hektik hinein sagte ich den Satz, den ich bis heute bereue. Ich sagte: „Und wer bleibt bei der Herde?“
Irritiert schauten mich die anderen an und schienen über meine Worte nachdenken zu müssen. Als hätte ich etwas Unsinniges gesagt oder in einer fremden Sprache gesprochen. „Na, irgendwer muss doch hierbleiben, oder nicht? Wir können sie doch nicht einfach so mitten in der Nacht im Stich lassen, oder doch?“
Mein Onkel nickte. „Recht hast du, Ben!“, sagte er zu mir, trat auf mich zu und legte mir die Hand auf die Schulter. „Du denkst immer mit. Das mag ich so an dir. Ganz wie dein Vater – immer pflichtbewusst und immer auf Zack.“ Er lächelte mich herzlich an. „Am besten, du bleibst hier – wo es doch auch deine Idee war!“ Und prompt drehte er sich um, die anderen nickten zustimmend und kurz darauf saß ich allein am Feuer, das kurz davor war zu erlöschen.
Was blieb war Stille.

Selbst das Blöken der Schafe klang dumpf und hohl. Ich saß am Feuer, stocherte wie benommen in der Glut und legte neues Holz nach. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so saß, doch irgendwann schüttelte es mich und ich kam wieder zu mir.
Sie waren einfach weggerannt. Ich hatte doch nur erinnert, dass wir eine Pflicht haben. Denn auch wenn der Messias in die Welt gekommen war – morgen mussten wir doch immer noch unsere Schafe zusammen haben, oder nicht? Was wäre es schon gewesen, wenn ein Wolf oder Löwe gekommen wäre und hätten eines der Jungtiere gerissen? Ich hätte es mir nicht verzeihen können. Doch ich hatte gehofft, dass ein anderer bleiben würde. Ich wollte auch zu dem Stall – ich wollte das Wunder sehen, von dem die Engel gesungen hatten. Tränen schossen mir in die Augen und eine unglaubliche Leere breitete sich in mir aus. Ich wollte es sehen und doch musste ich bleiben und warten.
So war es fast zum Tagesanbruch, als meine Brüder zurückkehrten. Sie waren euphorisch, ihre Gesichter glühten und schienen vom Glanz dessen, was sie gesehen hatten zu strahlen. Schon von weitem riefen sie mir zu, was sie gesehen und erlebt hatten. Ich konnte es gar nicht richtig verstehen, denn sie redeten wie Gänse schnatternd durcheinander und alle auf mich ein. Erst nach mehreren Minuten verstand ich, was sie gesehen hatten.
Es war wahr gewesen. Sie hatten das Kind gefunden. Der Anblick dieses Kindes hatte meine Brüder verändert. Sie priesen Gott, sie lobten den Höchsten und schwebten wie auf Wolken. Sie erzählten von den Eltern des Kindes, Maria und Joseph hießen sie. Sie erzählten von der Stimmung und der Gewissheit, dass es stimmt. Gott ist wirklich nun in dieser Welt. Es ist kein Warten mehr. Gott ist da. Er ist in diesem kleinen Menschenkind erschienen.
Und immer wieder sagten sie: Davon muss die Welt erfahren! Und kaum waren sie gekommen, so eilten sie auch schon wieder los um allen davon zu berichten. Nur ich blieb wieder zurück mit meinem kleinen Bruder Jona. Er schaute mich mit seinen großen und treuen Augen an und sagte: „Ich habe ihm ein Lied gespielt. Ich glaube, er hat gelacht… Jesus heißt er.“
Ich weinte für eine lange Zeit.
Diese Nacht ist nun viele Jahre her und mittlerweile sind meine Brüder wieder bei der Herde. Doch sie sind andere geworden. Diese Nacht hat sie verändert. Ihre Herzen sind offener geworden, ihre Gesichter weicher. Das Kind, das ich nie sah, hat sie verändert. Ich würde alles dafür geben um diese Nacht noch einmal zu erleben. Ich würde alles geben um zu sehen, was ich nun glauben soll. Wenn ich nur einen Blick auf das Kind werfen dürfte, dann würde meine Seele gesund und meine Sehnsucht gestillt. Davon bin ich überzeugt. Doch ich bin zum Bleiben verdammt, weil ich an dem Festgehalten habe, was meine Bestimmung und meine Aufgabe war. Ich würde so gern glauben … wenn ich doch nur sehen könnte. Ich würde so gern glauben und genauso davon sprechen dass es wahr ist, wenn ich doch nur einmal an die Krippe treten könnte…

Predigt zum 4. Advent 2014

20. Dezember 2014

Predigt zu Lk 1,46-55

 

Liebe Gemeinde,

ich habe mit der Beschäftigung für diese Predigt vor zwei Wochen begonnen und seitdem begleitet mich dieser Predigttext durch den Alltag. Es ist der Lesungstext, das Loblied Marias (Lk 1,46-55).

Ich lese noch einmal aus der Neuen Genfer Übersetzung: Da sagte Maria: »Von ganzem Herzen preise ich den Herrn,und mein Geist jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter. Denn er hat mich, seine Dienerin, gnädig angesehen,eine geringe und unbedeutende Frau. Ja, man wird mich glücklich preisen – jetzt und in allen kommenden Generationen. Er, der Mächtige, hat Großes an mir getan. Sein Name ist heilig, und von Generation zu Generation gilt sein Erbarmen denen, die sich ihm unterstellen. Mit starkem Arm hat er seine Macht bewiesen; er hat die in alle Winde zerstreut, deren Gesinnung stolz und hochmütig ist. Er hat die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Geringen emporgehoben. Den Hungrigen hat er die Hände mit Gutem gefüllt, und die Reichen hat er mit leeren Händen fortgeschickt. Er hat sich seines Dieners, des Volkes Israel, angenommen, weil er sich an das erinnerte, was er unseren Vorfahren zugesagt hatte: dass er nie aufhören werde, Abraham und seinen Nachkommen Erbarmen zu erweisen.«

Neben dem demütigen Gotteslob Marias ist es vor allem eins, was den Text für mich ausmacht: Gott stellt sich auf die Seite der Schwachen, der Unterdrückten und Hilflosen und er nimmt den Mächtigen in der Welt die Macht.

Dieser Text hat mich im Hinterkopf im Alltag begleitet und so bekamen manche Ereignisse eine andere Perspektive, weil ich für mich prüfte, wie sie mit dem Text zusammenpassen.

Dabei waren es vor allem zwei Dinge, die mich sehr beschäftigt haben.

Das erste, was mich zutiefst traf und erschütterte war das Attentat auf die Schule in Peschawa in Pakistan. Attentäter gingen mit dem erklärten Ziel in die Schule so viele Kinder wie möglich zu töten.

Ich merke noch immer, dass ich das eigentlich gar nicht glauben kann. Ich kann nicht verstehen und ich will eigentlich nicht glauben, dass Menschen bereit sind unschuldiges Leben, Kinderleben, zu nehmen um damit andere Menschen zu verletzen und um Aufmerksamkeit zu bekommen. Mir ist bewusst, dass die Täter dabei von Rache für früheres Leid sprachen und somit die Tat rechtfertigten. Denn es war nichts anderes als eine politische und absolut unentschuldbare Rachetat. Das unvorstellbare Leid, dass aus dieser Tat folgt, lässt mich nicht mehr fröhlich auf Weihnachten schauen. Mir bleibt immer noch das Lob Marias im Hals stecken. Wo ist Gott, der die Mächtigen stürzt und den Hilflosen hilft?

Hätte Maria das Loblied auch gesungen, wenn sie gewusst hätte, dass König Herodes aus Angst vor dem Kind in der Krippe ebenfalls so ein Blutbad unter den Kindern Bethlehems anrichten würde? Der Kindermord zu Bethlehem kam mir in den Sinn und der Advent und Weihnachten bekamen eine düstere Seite. Die Ankunft von Gottes Sohn in dieser Welt ist der indirekte Grund für den Mord an ungezählten unschuldigen Kindern, wie es im Matthäusevangelium zu lesen ist.

Gottes Ankunft in der Welt scheint die Mächte des Bösen auf den Plan zu rufen – die Angst vor dem Machtverlust lässt sie zum Äußersten gehen. So wie die Attentäter von Peschawa. Die Friedensbotschaft der Engel zu den Hirten auf dem Feld, das Licht, dass mit Christus in die Welt kommt steht einer grausamen und undurchdringlich scheinenden Dunkelheit gegenüber. Wie soll ich „Ihr Kinderlein kommet“ singen, wenn Familien in Pakistan und an so vielen anderen Orten in der Welt ihre Kinder betrauern. Wenn Ihnen das kostbarste genommen ist – wie kann ich an Weihnachten von Geschenken sprechen?

Liebe Gemeinde,

mir liegt es fern, die adventliche Stimmung zu stören – aber es wäre eine Weltflucht, wenn ich einfach fröhlich und besinnlich darüber hinweggehen würde. Ich kann es nicht.

Ich glaube gerade nämlich in der Adventszeit wird deutlich, wie weit diese Welt noch von ihrer Erlösung entfernt ist. Weil wir auf Weihnachten zusteuern, auf die Geburt des Retters und Erlösers dieser Welt, wird deutlich wie dringend Christus gebraucht wird.

Die Schatten werden eben härter, wenn das Licht heller wird. Das Zwielicht verschwindet im hellen Licht und es bleiben nur noch Licht und Schatten. Weil Christi Licht so hell in diese Welt leuchtet, fällt es mir so schwer, die Schatten – die grausamen Taten in dieser Welt, das Leid und Elend von Millionen Menschen – zu ertragen.

Und deshalb, liebe Gemeinde,

trifft mich eine weitere Sache umso mehr. In den letzten Wochen gehen Menschen in Deutschland auf die Straßen um gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, von Fremden in unserem Land zu demonstrieren. Sie nennen sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ kurz Pegida und die Politiker werden nicht müde zu betonen, dass deren Sorgen und Ängste ernst genommen werden müssten.

Liebe Gemeinde,

ich bin nun wirklich kein politischer Prediger und ich betone immer wieder, wie wichtig es ist, die Hintergründe von menschlichen Sorgen und Handlungen zu beachten. Aber an dieser Stelle bin ich nicht bereit Rücksicht zu nehmen. Wie können wir es in Deutschland zulassen, dass unter dem Deckmantel der Bürgerlichkeit Fremdenfeindlichkeit wächst und politisch geduldet wird? Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem viele Menschen selbst im Krieg erleben mussten, was es bedeutet auf der Flucht zu sein und in der Fremde unterzukommen, wir behaupten, dass die Flüchtlinge kein Existenzrecht haben?

Und wie können sich die Demonstranten erdreisten, auch noch christliche Werte für ihr Handeln vorzugeben? Diese bodenlose Unverschämtheit lässt mich dann doch zum politischen Prediger werden und ich beziehe gern und eindeutig Stellung.

Auch zu diesem Punkt hat mich der Predigttext geführt:

Die Worte Marias nehmen nämlich schon vorweg, was im Leben Jesu geschehen wird. Auch Jesu Botschaft ist immer die gleiche: Erkenne, dass Gott der einzige Herr ist, den du hast! Wenn du dich auf Gott verlässt – wer soll dir dann schaden? Hilf den Schwachen und Ohnmächtigen.

Und Jesu Taten sprechen noch deutlicher davon, was Maria ankündigt: Mit seinem Wirken nimmt er den Mächtigen die Macht. Er hebt die Regeln der Ausgrenzung auf und sprengt die Gesellschaft der Intoleranz. Er geht gerade zu denen, die ausgeschlossen sind. Bis heute ist seine Botschaft der Aufruf zu Frieden und Nächstenliebe – ja eben sogar zur Feindesliebe.

Jesus sagt: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan – Kleidung und Nahrung gegeben, Trost gespendet und Gesellschaft angeboten! Das sind seine Kriterien für das Himmelreich! Wie können Menschen im Namen des Christentums und zum Schutz des Abendlandes sich so schamlos über diese Aufforderung hinwegsetzen?

Und mehr noch: Der Kindermord zu Bethlehem wäre auch der Tod Jesu gewesen, wenn Maria und Joseph nicht nach Ägypten geflohen wären und dort Schutz gefunden hätten! Christus war ein politischer Flüchtling, der nur durch die Aufnahme und Hilfe unbekannter Menschen überhaupt eine Zukunft hatte!

Und auch wenn man in das Alte Testament schaut, so findet man immer und immer wieder eine Botschaft: Schütze die Witwen und Waisen – und die Fremdlinge! Mit zahlreichen Stellen wird diese Aufforderung Gottes wiederholt – und doch von der Pegida ignoriert! Nun wollen sie in der kommenden Woche auf ihren Demonstrationen Weihnachtslieder singen! Wenn es mir möglich wäre – ich würde es ihnen verbieten! In Worms wurde gerade ein öffentliches Krippenspiel verboten, das die Flüchtlingsthematik behandelt – von offizieller Seite, „weil es nicht zum Charakter des Weihnachtsmarktes passe“ so der Oberbürgermeister!

Diese Menschen – die Demonstrierenden und ihre Beschützer – reißen die Botschaft der Bibel und auch die Weihnachtsbotschaft zu ihren Zwecken in den Schmutz und behaupten damit auch noch für unsere Werte und unser Land einzutreten! Warum sollen wir uns vor dem Islam fürchten? Ist unser Glaube so schwach, dass wir uns vom fremden Glauben anstecken lassen? Sind wir so schwach, dass wir unseren Glauben verlieren, wenn wir Andersgläubigen Obdach gewähren?

Liebe Gemeinde,

welche Weihnachtsbotschaft sollen wir noch verkünden, wenn es an Weihnachten nur noch darum geht unter sich zu sein, die Hilflosen auszugrenzen und am eigenen Glauben zu zweifeln?

Sind die Worte der Maria leer geworden, weil die Welt nichts mehr von ihnen hören will? Und sind wir müde geworden, für die Botschaft Jesu einzustehen?

Liebe Gemeinde,

der Predigttext hat mich persönlich und auch meine Adventszeit aufgerüttelt. Marias Worte haben mich daran erinnert, was Weihnachten ausmacht und wie dringend wir Gottes Beistand brauchen. Wenn sich die Mächte des Bösen aufstellen, dann wird die Sehnsucht nach dem Erlöser erst wieder groß. Deshalb darf das Böse nicht klein geredet werden. Die schattenhafte Dunkelheit muss erkannt werden und ihr der Glaube daran entgegengesetzt werden, dass Gott diesen Kampf gewinnen wird.

Liebe Gemeinde,

ich bete in diesem Advent dafür, die Worte Marias in die Herzen der Menschen gelangen. Ich bete mit ihren Worten, dass jenen, die unvorstellbares Leid erfahren ein Hoffnungskeim geschenkt wird. Den Familien in Peschawa, den Opfern der Luftangriffe im Gazastreifen, den Opfern von Terror und Gewalt, den Opfern von Krankheit und Krieg, den Opfern von religiöser Unterdrückung und politischer Willkür. Ich bete dafür, dass Gott diese Mächtigen stürzen wird – so wie er es getan hat.

Und ich will meinen Teil dazu tun, dass seine Botschaft in die Welt dringt und nicht verdorbene Lügen, Angst, die zu Gewalt wird und Hass, der mit Stammtischparolen salonfähig wird. Ich bin froh und dankbar, dass es so viele Menschen in unserer Gemeinde gibt, die mit Kleidersammlungen, Aktionen und ihren Gebeten den Flüchtlingen beistehen und sich offen und ohne Angst auf Fremde einlassen.

So bete ich in aller Demut: Guter Gott, nimm dich deiner Diener an, stürze die Mächtigen vom Thron und erhebe die Geringen. Erweise deine Macht an denen, die stolz und hochmütig sind.

Lass Frieden auf Erden werden, denn diese Erde braucht ihn so sehr.

Lass Weihnachten nicht nur ein besinnliches und doch entleertes Geschenkfest sein, sondern ein Wendepunkt im starren Leben der Intoleranz und Feindlichkeit hinzu einem Leben in Liebe, Gemeinschaft und Vertrauen!

Amen.

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis

18. September 2014

Predigt zu 1Thess 5,14-24

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich glaube, in jedem Leben verändern sich die Perspektiven immer wieder. Es verändern sich die Rahmenbedingungen. Sicher, manche Dinge bleiben, aber eigentlich ändert sich immer wieder eine ganze Menge. Und unsere Zeit scheint besonders schnell zu sein und so ändert sich vielleicht so manches schneller, als in den vergangenen Jahrhunderten. Manche Veränderungen sind wünschenswert. Zum Beispiel ein neuer Beruf, ein Abschluss, eine Hochzeit, eine Geburt. Manche Veränderungen belasten, wie Trennungen, Abschiede, Entlassung. Auf diese haben wir zumindest ansatzweise Einfluss. Aber es gibt auch die Veränderungen, die wir nicht beeinflussen können oder nicht einmal mitbekommen. Das kann Schönes sein, dass sich jemand in Sie verliebt, für den Sie vielleicht auch heimlich schwärmen. Oder der Gedanke beim Arbeitgeber sie zu befördern, der wächst und schließlich Realität wird. Es kann auch Schweres sein, wie ein Krankheit, die unerkannt wächst oder Misstrauen, dass schließlich zum Streit führt. Jeden Tag gibt es Neues, Anderes und wäre unser Leben ein Puzzle – es ist manchmal so, als würden immer wieder neue Teile auf den Tisch geworfen, manchmal ein ganzer Haufen neue Teile und wir müssen versuchen, diese zu einem Bild – zu unserem Lebensbild zu machen.

Leider bleibt häufig nicht die Zeit und die Ruhe um zu puzzeln. Der Tag beginnt, füllt uns aus, der Tag endet. So kommen immer wieder neue Teile hinzu und schnell verliert man den Überblick, wie das eigene Lebensbild eigentlich im Moment gerade aussieht.

Heute, liebe Gemeinde, hat mich der Predigttext dazu gebracht, einmal Pause zu machen und mein Lebensbild anzuschauen. Wie mir ein Paar nach seiner Goldhochzeit schrieb – es gibt so selten Momente im Leben, wo man Zwischenbilanz zieht. Wo man prüft, was im Leben wichtig und schön und was im Leben belastend oder gar unnötig ist. Ein Jubiläum ist für so eine Zwischenbilanz ein guter Anlass. Für mich war es der heutige Predigttext. Paulus schreibt an die Gemeinde in Thessaloniki und er ermahnt sie, er berät sie und er will ihnen eine neue Perspektive geben. Ich lese aus dem 1. Thessalonicher Kapitel 5 die Verse 14-24:

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. 16

Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. 19 Den Geist dämpft nicht. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles, und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt. 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

Liebe Gemeinde,

prüft aber alles. Dieser Satz war der Auslöser für mein Nachdenken. Es geht nicht darum alles im Leben auszuprobieren, sondern sich zu dem zu verhalten, was zum eigenen Leben dazugehört – also einen Blick auf das eigene Lebenspuzzle zu werfen. Wo bilden sich Figuren, Muster? Wo passen Teile zusammen? Ist ein Teil vom Rand schon fertig? Kann man vielleicht erahnen, was für Bilder noch entstehen werden, auch wenn die Teile noch nicht vollständig sind? Es geht nicht um eine abschließende Bilanz. Denn unser Lebensbild wird erst mit dem letzten Puzzleteil wirklich erkennbar sein. Trotzdem lohnt es sich einen Zwischenblick darauf zu werfen und einmal zu sortieren. Denn es verändert unsere Perspektive auf uns selbst und damit verändert es auch uns. Für mich war zum Beispiel eine wichtige Erkenntnis, dass ich als Vater Dinge tue, von denen ich mir als Kind vorgenommen hatte, sie als Vater nie zu tun oder zu sagen. Ich habe mein Taschentuch mit Speichel benutzt um Kinder-Mundecken zu reinigen. Ich habe den Satz gesagt: „Mein lieber Freund…!“ Oder zum Beispiel an der Wursttheke: Meine Söhne bekommen eine Scheibe Wurst und ohne abzuwarten sage ich: „Wie sagt man?“ Und meine Söhne antworten wie in Trance: „Danke.“ Furchtbar. Ich könnte meine Kinder in jeder Lebenssituation den Satz fragen: „Wie sagt man?“ Und sie würden allein aus Reflex sagen: „Danke.“

Ich habe mich verändert, ohne es zu wollen oder mitzubekommen. Aber es ist nicht schlimm, ich bin nun mal Papa und sehe manche Dinge anders. Es war nur wichtig für mich zu erkennen, dass ich nicht nur Anderes anders sehe, sondern auch mich neu sehe. Denn das ändert auch den Blick auf andere Eltern. Auch auf meine Eltern. Die Spucke an meinem Mundwinkel bekommt eine andere Deutung und ich finde es nicht mehr schlimm. Ich könnte mit dem Propheten Elia sagen: Ich bin nicht besser als meine Väter. Und ich glaube, das tut meiner Beziehung zu meinen Kindern, zu meinen Eltern und auch zu anderen Eltern – vielleicht sogar zu mir selbst gut.

Ich habe vieles gefunden, als ich angefangen habe zu prüfen, wie es um mein Puzzle gerade bestellt ist. Und ich möchte Ihnen nun die Gelegenheit geben, auch einmal zu prüfen. Zu schauen, wie es in ihrem Leben gerade ist. Welche Puzzleteile gerade dazugekommen sind oder welche Teile schon lange unbeachtet herumliegen und vielleicht sogar schon zusammenpassen. Nehmen Sie sich die nächsten Minuten Zeit – wenn Sie sich darauf einlassen wollen. Sie können es in Gedanken machen oder gern auch auf die Zettel schreiben, die Sie bekommen haben. Diese Zettel sind nur für Sie. Niemand sonst muss oder soll sie sehen. Sie dürfen Sie behalten, zerstören oder liegenlassen. Frau [Kantorin] wird diese Zeit musikalisch untermalen. Was gehört gerade zu ihrem Leben dazu? Wer gehört dazu oder wer fehlt? Welche Gedanken bestimmen den Alltag, welche Freude oder welche Sorge?

Paulus schreibt: Prüft aber alles.

<Pause>

Liebe Gemeinde,

es fällt schwer, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Manches anzustoßen kann belastend sein. Die Beschäftigung mit dem eigenen Lebensbild kann lange nachklingen. Sie kann nachdenklich machen. Mancher mag erschrocken oder traurig sein – vielleicht auch positiv überrascht. Alles hat seine Berechtigung. Und auch dunkle Stellen im Lebensbild können, wenn das Bild vollständig ist, nur der kühlende Schatten eines Baumes sein. Wenn es in Ihnen nachklingt, dann verändert sich etwas in uns.

Denn der Blick auf uns selbst verändert uns und dann auch unseren Blick auf die Welt. Im Großen das eine Mal, im Kleinen das andere Mal. Paulus sagt: Prüft aber alles und das Gute behaltet. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Zum einen fällt es schwer, zu erkennen, was gut ist und was schlecht und zum anderen bedeutet es, wenn man sich von bestimmten Dingen löst, dass diese Veränderung auch Kraft kostet. Das Böse lässt sich oft leicht behalten. Das was unser Leben erschwert lässt sich nur schwer ablegen. Aber es lohnt sich. Und Paulus sagt direkt dazu: Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt […]. Gott wird euch bewahren. Gott wird darauf achten, dass unser Leib und unsere Seele nicht zerreißt. Gott befreit uns, von dem was uns belastet – wir müssen nur hinschauen. Wir sollen an uns selbst dran bleiben uns nicht aus den Augen verlieren. Denn es kommen immer wieder neue Teile hinzu. Und auch dazu sagt Paulus: Alles Neue, jedes Teil unseres Lebens kommt von Gott und für jedes Teil sollen wir dankbar sein. Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen. Es geht dabei nicht darum, wie an der Wursttheke „Danke!“ aus Reflex zu sagen, auch wenn man es gar nicht meint. Es geht auch nicht darum, moralisch zu sagen: Man muss für alles dankbar sein – wir haben es ja so gut. Auch das wäre erzwungene Dankbarkeit. Ich bin überzeugt, es geht darum dankbar dafür zu sein, dass unser Bild immer vollständiger wird – ohne dass wir einschätzen können, wie viele Teile noch kommen.

Ich merke selbst bei mir, wie schwer es ist das anzunehmen. Dass alles, was in unserem Leben geschieht von Gott kommt. Auch das, was uns stört, belastet und ängstigt. Es ist auch deshalb besonders schwer, weil ich nicht verstehe, warum mir manches geschieht. Aber am Ende wird mein Puzzlebild vollständig sein. Ich werde auch die schweren Teile in ihrem Zusammenhang sehen und werde Gott fragen können, warum sie dort sind. Und es heißt ja nicht, dass wir uns mit allem im Leben abfinden sollen. Alle Teile kommen von Gott, aber wir dürfen selbst prüfen, welche davon zum Guten dienen. Denn Gott will das Gute für uns und er traut uns zu, selbst zu erkennen, was dazu gehört. Es mag wie eine Überforderung klingen, aber Gott gibt uns alles was wir brauchen um es selbst zu schaffen. Das ist ein großes Vertrauen in uns und ein großer Liebesbeweis. Und dafür bin ich wirklich dankbar.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt an Himmelfahrt

28. Mai 2014

Predigt zu Eph 1,17-23

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 Liebe Gemeinde,

ein Thema, dass die Öffentlichkeit immer wieder gern beschäftigt, ist die Frage nach Macht. Gerade gestern habe ich bei tagesschau-online gelesen, dass das amerikanische Forbes-Magazin Angela Merkel zur mächtigsten Frau der Welt 2014 erklärt hat – übrigens damit zum vierten Mal in Folge. 2013 lag sie insgesamt auf Platz fünf der mächtigsten Menschen der Welt, deren Liste von Wladimir Putin und Barack Obama angeführt wurde. Es werden Kriterien aufgelistet, was einen Menschen mächtig macht und es entsteht große Aufmerksamkeit. Auch insgesamt drehte es sich in den letzten Wochen stark um die Machtfrage. Die Europawahl und die Kommunalwahl haben zwar hauptsächlich versucht mit Inhalten zu argumentieren, aber letztlich ging es darum, wer die Macht bekommt. Denn es ist wichtig, wer die Macht hat – über Europa, im Kreistag oder im Stadtrat. Denn die Menschen, die Macht bekommen, können Dinge tun, die den machtlosen vorenthalten sind. Deshalb streben die Menschen auch immer wieder nach Macht. Ich glaube jeder Mensch hat Angst davor ohnmächtig zu sein – und viele bekennen sich offen zu ihrem Wunsch nach Macht, sei es politisch, wirtschaftlich, finanziell oder im sozialen Bereich. Der Philosoph Friedrich Nietzsche behauptete sogar, dass der Wille zur Macht der eigentliche Antrieb im Menschen ist: Nur wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehr ich’s dich – Wille zur Macht! (Also sprach Zarathustra).

Und so war es schon seit Anbeginn der Menschheit, liebe Gemeinde. Machtkämpfe um einen Partner machten erfinderisch, Macht über unwirtliche Natur zu gewinnen ließ die Menschen große Erfindungen erbringen – vom Pflug bis zur Bewässerung von Wüsten. Macht über andere Menschen und Völker auszuüben hat zu schrecklichem, unvorstellbarem Grauen geführt. Allein das 20. Jahrhundert ist das deutlichste Zeugnis dafür, wie zerstörerisch Machtausübung sein kann. Und selbst in den schrecklichsten Krisen wurden immer noch Machtinteressen vor tatsächliche Hilfe gestellt. Der Blick in die Ukraine oder nach Syrien genügt um zu sehen, dass es um Macht und nicht um Menschenliebe geht. Wir leben immer in der Spannung zwischen verschiedenen Mächten, jeden Tag. Es müssen nicht nur politische Großmächte sein, denn wer schon einmal nachts um halb drei aufstehen musste, weil das Baby schreit, weiß, dass sogar ein Neugeborenes eine gewisse, schlafraubende Macht ausübt.

Und so verwundert es auch nicht, liebe Gemeinde, dass auch die Bibel angefüllt ist mit Erzählungen über Macht. Einen besonders eindrücklichen Text haben wir heute am Himmelfahrtstag als Predigttext.

Sie haben heute den Luxus, dass Sie den Predigttext auf ihren Liedblättern verfolgen können – auch wenn leider das Wetter zu mächtig war und verhinderte, dass wir die Liedblätter wirklich unter freien Himmel gebraucht hätten. Wir haben den Text auch eben bereits in der ersten Lesung gehört. Paulus schreibt an die junge Gemeinde in Ephesus und man merkt, dass das Thema „Macht“ auch dort vor zweitausend Jahren von Bedeutung war. Paulus zeigt hier die enge Verbindung der Frage nach Macht mit Himmelfahrt auf und seine Botschaft ist zweifellos: Gott, der Vater, dem alle Macht und Herrlichkeit gehört gibt dem diese Herrschaft über alle Mächte und Gewalten. Alles, was Autorität und Einfluss auf der Erde und im Himmel hat, im Diesseits wie im Jenseits, wird mit der Himmelfahrt Jesu Christi nun von ihm beherrscht. Paulus lässt keinen Zweifel: Gott hat Christus zum Herrscher über das ganze Universum gemacht.

Da bleibt kein Platz für Konkurrenz und kein „vielleicht“. Die Liste des Forbes-Magazins könnte abgeschafft werden, denn jede Macht und jeder Machthaber auf der Erde wird hier in seine Schranken gewiesen. Allein das tut gut zu lesen. Niemand auf der Welt kann sich auf seine Macht etwas einbilden, denn sie bleibt relativ, als würde Gott sagen: „Du hast Macht? Ja und? Sie ist nichts, gegen meinen Anspruch an das Universum, an die Welt und an jeden einzelnen Menschen, ja jedes einzelne Atom auf dieser Welt.“ Gott ist der Herrscher und Christus ist diese Macht über uns gegeben, liebe Gemeinde, das wird Paulus nicht müde zu betonen. Und er bittet, wie wir am Anfang des Predigttextes lesen können, dass wir dies erkennen mögen, und betet dafür um den Geist der Weisheit.

Allein einzusehen, dass unsere Machtansprüche begrenzt sind und immer relativ bleiben, wäre eine unglaubliche Bereicherung und genau diese Einsicht hat immer wieder Gläubige Menschen in der Geschichte zum Widerstand gegen Regime, Machthaber und ungerechte Systeme geführt. So heißt es in der ersten These von Barmen von 1934 zum Beispiel: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Aber liebe Gemeinde, dass ist für mich noch nicht einmal alles. Denn es wäre zu kurz gedacht, wenn wir die Macht nur auf die große politische Ebene verlegen. Paulus schreibt: Christus herrscht über alles, was Autorität besitzt und Einfluss ausübt.

Liebe Gemeinde, was hat Einfluss auf ihr Leben? Guten Einfluss genauso wie schlechten? Ich glaube schon, dass das Weltgeschehen und die Politik des Stadtrates Einfluss auf uns haben, aber es gibt noch mehr. Damit meine ich nicht das Wetter oder die Wirtschaft, sondern im engeren Kreis unsere Mitmenschen. Immer wieder begeben wir uns nämlich in Machtkämpfe. Jede erzieherische Maßnahme ist ein Ausüben von Macht – in der Schule wie auch in der Familie. Das ist ja auch berechtigt und notwendig für eine Ordnung im Leben. Macht ist erst einmal nichts Falsches. Es ist wie mit jedem Gift, das in der richtigen Dosis auch Medizin sein kann oder umgekehrt jede Medizin zum Schaden führt, wenn sie überdosiert wird. Erst, wenn die Macht missbraucht wird, ist in ihr ein Gift. Dann kommt es zu Mobbing, zu Gewalt und zu Verletzungen. Auch dieser Macht tritt Gott entgegen und beansprucht sie für sich. Wir haben keine Macht übereinander. Es ist falsch, sie zu beanspruchen, denn wir alle gehören gleichermaßen Gott. Keiner mehr oder weniger.

Niemand hat ein Recht, andere herunterzusetzen, auch wenn wir es immer wieder versuchen und auch selbst immer wieder darunter leiden. Für traumatisierte Opfer ist es wichtig zu erkennen, dass ihre Täter keine Macht (mehr) über sie haben um nicht für immer ein Opfer zu bleiben. Christus sind diese Täter vor die Füße gelegt wie besiegte Feinde. Sie werden sich verantworten müssen vor seinem Thron, wie wir mit jedem Glaubensbekenntnis sprechen: aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.

Unsere Machtspiele sind von Gott als Illusion enttarnt, Machtmissbrauch wird der Riegel vorgeschoben und damit den Missbrauchten eine neue Hoffnung gegeben. Paulus schreibt: Er öffne euch die Augen des Herzens, damit ihr erkennt, was für eine Hoffnung Gott euch gegeben hat. So wie Jesus immer wieder zu seinen Lebzeiten zu den Menschen ging, die von anderen ausgeschlossen oder herabgewürdigt worden, so wird auch hier denen die Hoffnung gegeben, die sie im Kampf der Mächte nicht mehr wahrnehmen. Denn Gottes Macht ist keine Schreckensherrschaft, sondern sie spendet Leben. Es ist dieselbe gewaltige Stärke, mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte. Gottes Macht ist die Kraft des Lebens, die den Tod besiegt. Dabei wird der Tod nicht abgeschafft. Sondern ihm wird ebenfalls die Wirkmacht genommen. Was ist der Tod, wenn Gott an unserer Seite bleibt? Was kann uns passieren, wenn wir bei Gott bleiben, auch wenn wir sterben? Unser Weg mit Gott endet nicht mit unserem Tod, sondern wir gehen nur einen weiteren Schritt. Die Liebe Gottes ist eine Kraft, die alle Macht überwunden hat, wenn dieser Gedanke von unserem Kopf durch das Herz in unsere Seele dringt, dann schwindet die Angst vor dem Bösen in der Welt und sogar vor dem Tod.

Und damit, liebe Gemeinde, komme ich zu dem engsten Kreis der Macht, der mit der Himmelfahrt Jesu und seinem Herrschaftsanspruch durchbrochen wurde. Es sind die Mächte und Einflüsse, an denen die Außenwelt keinen Anteil hat. Es geht um das, was uns in unserem Innersten lenkt und leitet. Welche Mächte haben von Ihnen Besitz? Bei dieser Frage fällt der Blick auf helle Stellen, wie die Macht der Liebe zu anderen Menschen. Aber auch auf die dunklen Orte unserer Seele. Schuld lastet auf uns, das schlechte Gewissen prägt unser Handeln. Menschen verlieren aus starken Schuldgefühlen den Halt in der Welt, manche sogar den Verstand darüber. Schuldgefühle führen dazu, dass wir zu geliebten Menschen den Kontakt aufgeben, dass wir uns nicht in der Lage sehen mit ihnen zu sprechen. Schuld ist unglaublich mächtig in uns, so wie auch die Angst.

Denn aus Angst können wir bestimmte Dinge nicht tun. Höhenangst hält uns von einer schönen Aussicht ab, Angst vor Fehlern verhindert, dass wir uns überhaupt etwas zutrauen.

Und die Angst vor dem Fremden hat Menschen schon immer angetrieben wieder Macht über andere ausüben zu wollen.

Die reißerischen Parolen der extremen Parteien und Gruppen spielen mit diesen Ängsten, die in uns Macht haben.

Auch in diesem, unseren innersten Bereich, tritt Christus den Mächten entgegen und behauptet seinen Anspruch auf uns. Unsere Ängste lähmen uns und doch betet Paulus, dafür, dass wir mit Verstand und Herz erkennen können, dass diese Lähmung eigentlich machtlos ist gegen die Liebe Gottes. Dieser Anspruch ist kein Stück verloren gegangen und auch die Macht Gottes hat nichts an ihrer Wirkung verloren. Nur die Wahrnehmung, dass Gott in unserer Welt immer noch mit der selben Kraft wirkt, mit der ER den Tod seine Sohnes überwunden hat, diese Wahrnehmung hat nachgelassen. Deshalb freut es mich, dass ich heute diesen Text des Paulus predigen darf. Das ich ihnen zusagen darf: Nichts nimmt dich gefangen! Es gibt keine Macht in dieser Welt, die vor Gott bestehen bleibt. Nur Gott allein ist unser Herrscher und er herrscht mit Liebe. Liebe zu seinem Universum, seiner Welt und zu jedem einzelnen von uns. Ohne Einschränkungen. Wenn wir erkennen und glauben, dass dieser Zuspruch wahr ist, dann sind wir frei. Und dafür lohnt es sich immer wieder zu bitten und zu beten. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Röm 8, 38f).

 Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt am Ostermontag

27. April 2014

Ein Wort der Erklärung vorweg: Der Gottesdienst war geprägt durch die Taufe von F. und durch die feierliche Begrüßung des Wiedereingetretenen Herrn B.. Der eigentliche Predigttext war Apostelgeschichte 10,34a.36-43. Als die Predigt dann fertig war, habe ich den Predigttext (und seine unmittelbaren Bezüge) wieder herausgeschmissen und die Predigt war viel harmonischer… 😉

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

ist Ostermontag nicht ein seltsamer Feiertag?

Ich persönlich mag Ostern sehr, gerade nach der düsteren Passionszeit ist es wunderbar, dass nun das Leben gefeiert wird. Aber eigentlich hat sich das Thema doch mit Ostersonntag erledigt, oder?

 

Der Ostermontag klappert so ein bisschen hinterher. Ähnlich wie der zweite Weihnachtsfeiertag oder Pfingstmontag… Eigentlich ist Ostern alles gesagt und jetzt sind wir schon wieder in der Kirche.

Und, liebe Gemeinde, das ist auch gut so. Denn der Tag markiert den Übergang vom festlichen Sonntag zum Alltag und hat gerade dadurch eine ganz eigene Bedeutung und wirft eine Frage auf, mit der ich mich in dieser Predigt beschäftigen möchte – nämlich: Wie sieht dieser Übergang vom Ostersonntag in den Alltag aus? Oder, um es so zu sagen, wie ich es meinen Kindern erklären würde: Wie lange macht es Spaß, mit dem neuen Spielzeug zu spielen?

 

Denn gerade neues Spielzeug macht wunderbar deutlich, worum es am Ostermontag geht. Wenn Kinder (und Erwachsene) etwas Neues bekommen – und es auch in etwa ihren Wünschen entsprach – dann leuchten die Augen.

Dann strahlt das ganze Gesicht und das Neue wird ordentlich und gründlich untersucht, bewundert und bespielt. Meine Söhne nehmen neues Spielzeug immer gern mit ans Bett, damit es das Letzte ist, was sie sehen bevor sie einschlafen und gleich am Morgen das Erste, mit dem sie wieder losspielen können. Die Begeisterung ist groß, Neues hat seinen Reiz. Doch wie lang hält die Begeisterung an? Manchmal nur eine Nacht, manchmal eine Woche. Irgendwann landet das Spielzeug dann unter den anderen und hat seinen Ehrenplatz am Bett längst verloren.

 

Und was für das Spielzeug gilt, kann ganz leicht auf andere Lebensbereiche übertragen werden, liebe Gemeinde. Ich weiß nicht genau wie lang die Zeitspanne ist, aber irgendwann wird aus dem „neuen Auto“ erst „das Auto“ und schließlich „die alte Karre“. Und auch wenn es nicht um Besitz geht, lässt sich dieses Phänomen im Leben immer gut erkennen:

Die junge Liebe, frisch verliebt – auf Wolke 7… Es ist alles großartig am Partner. Perfekt. Einzigartig. Wenn diese Person Ihnen zum ersten Mal ein „ich liebe Dich“ zuflüstert, dann bringen diese drei Worte den ganzen Kreislauf in Bewegung.

 

Es wäre schön, wenn bei Ihnen das Gefühl ununterbrochen angehalten hat, aber aus der Erfahrung würde ich sagen, dass auch dieser Effekt – sagen wir – zumindest nachlässt. Aus frisch verliebt wird dann verliebt und nicht zu selten trennen sich die ursprünglich so Begeisterten. Das „ich liebe Dich“ wird schnell zur Verabschiedungsfloskel, manchmal nur ein „liebe Dich“ bevor die Tür zuknallt oder das Telefonat beendet wird. Die Worte bleiben die gleichen und häufig drücken sie auch noch genau dasselbe Gefühl aus. Doch es ist ja nicht mehr neu und damit leider nicht mehr so besonders.

Ich könnte noch zahllose Beispiele anführen, liebe Gemeinde, aber ich glaube es ist klar, worauf ich hinaus will.

Wenn ich nun auf den Ostermontag zurückkomme, bedeutet das für mich, dass dieser Tag genau diesen Übergang markiert. Es ist der Tag nach Ostern und als Montag schon der Beginn der neuen Woche. Der Alltag beginnt und die – hoffentlich vorhandenen – Ostergefühle weichen dem Alltag.

Es besteht die berechtigte Sorge, dass Ostern wieder in den Hintergrund tritt und viel wichtiger, die frohe Botschaft von Ostern ausgeblendet wird. Das genau wie beim „ich liebe Dich“ die Worte der Osterbotschaft so vertraut und traditionell klingen, dass ihr Inhalt nicht mehr besonders wirkt.

 

Die Menschen damals vor 2000 Jahren waren begeistert von der für sie ganz neuen Botschaft. Ihre Begeisterung war so groß, obwohl sie „nur“ dieselben Worte hörten wie wir: Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!

 

Es hat etwas von dem „Liebe Dich“ zwischen Tür und Angel.

Denn die Botschaft ist für uns schlicht nicht mehr neu. Unsere Beziehung zu den biblischen Texten ist häufig von Tradition und Gewohnheit geprägt – zumindest ist das häufig mein Eindruck.

 

Liebe Gemeinde, was tun wir nun mit der Osterbotschaft? Sagen wir: Stimmt schon alles – Stört nicht weiter? Oder gibt es noch eine Alternative?

Wenn ich auf meine Beispiele von eben noch einmal zurückkomme: Was machen wir, wenn neues Spielzeug seinen Reiz verliert? Was machen wir, wenn die Beziehung, die Ehe oder die Freundschaft zur Gewohnheit und zu Alltag wird? Und was können wir konkret mit der Osterbotschaft tun, die uns mit Gott verbindet?

Mein Vorschlag für alle Beispiele zusammen ist schlicht und einfach: Beziehungspflege.

Der Alltag holt alles irgendwie und irgendwann ein. Aber es ist kein Grund, sich nicht zwischendurch Inseln zu schaffen, an denen man sich daran erinnert, was die Beziehung ursprünglich so attraktiv gemacht hat.

Bei den eigenen Kindern wird mir das besonders deutlich.

Denn kurz nach der Geburt ist die Beziehung unbelastet und frisch, aber nach Jahren der Erziehung hat die frische Freude am Baby häufig etwas gelitten. Es ist eine unglaubliche Leistung von Eltern – und natürlich auch den Kindern – diese Marathonstrecke gemeinsam zu schaffen. Und es tut gerade dann auch gut, sich der gegenseitigen Liebe bewusst zu werden.

 

Wie wir uns diese Inseln im Alltag schaffen, liebe Gemeinde, kann ganz unterschiedlich sein. Als Menschen haben wir aber immer nur die Möglichkeit mit unseren menschlichen Mitteln eine Beziehung zu pflegen. Auch wenn unsere Beziehung zu Gott eine andere ist, als zu unseren Kindern, zu unseren Partnern oder Freunden – von unserer Seite aus haben wir nur unsere Möglichkeiten und die sind gegenüber Menschen und Gott gleich.

 

Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, erst einmal in einer Beziehung auf Abstand zu gehen.

Bezogen auf Gott bedeutet das dann häufig erst einmal den Kirchenaustritt. Die Beziehung gibt nicht so viel her, wie man es sich wünscht und man bricht einseitig den Kontakt ab.

Aber in der Distanz kann es sein, dass man eine Leere spürt. Wenn man dann behutsam mit sich und seinen Gefühlen ist – und sich dann eine Gelegenheit ergibt, kann man auch der Beziehung eine neue Chance geben.

Nach Beziehungspausen ist die Beziehung nicht mehr unbelastet, aber dafür häufig auch reifer und wertvoller.

Es gibt auch die Möglichkeit vorher vorzubeugen, sich bewusst zu machen, wie gut mir die Beziehung zu anderen und natürlich zu Gott tut.

 

Gerade in Krisen erleben Menschen häufig, dass eine gute Beziehung hilft und trägt. Sei es ein Freund, eine Freundin, die hilft, sei es die Liebe zu den eigenen Kindern oder auch Gott. Die Beziehungspflege lohnt sich immer. Davon bin ich fest überzeugt. Meine Beziehung zu Gott tut mir gut. Und ich bin auch überzeugt, dass sie auch Ihnen gut tun kann. Gerade auch im Alltag.

Denn Gott sagt uns jeden Tag ohne Ermüdung, dass er uns liebt.

 

Also geben Sie Ihrer Beziehung zu Gott doch immer wieder Inseln in ihrem Alltag, die der Beziehungspflege dienen.

Wie hat es Pfarrer Zahn vor zwei Wochen an dieser Stelle gesagt: „Einfach mal machen!“ Das ist tatsächlich so einfach. Ich will Ihnen gar keine Vorschriften machen, nur ein paar Beispiele geben:

Sie können einfach einmal Beten.

Denn Reden tut jeder Beziehung gut. Dafür müssen sie nicht vor ihrem Bett auf die Knie fallen. Reden Sie im Vertrauen mit Gott, wie mit ihrem besten Freund oder besten Freundin. Erzählen sie Gott Ihre Freude und Ihren Kummer. Halten Sie ihn auf dem Laufenden wie es Ihnen geht.

Vielleicht tut Ihnen aber auch Gemeinschaft gut – mit anderen Beziehungstätern. Vielleicht singen sie mit anderen? Oder Sie hören Musik – sei es die wunderbare Kirchenmusik hier oder ihrer ganz eigenen – vielleicht ganz anderen Musik.

Oder Sie nehmen sich Momente der Ruhe, Auszeiten für sich und Gott. Urlaub für die Seele. Oder Sie lesen einmal in der Bibel und lernen Gott erst einmal besser kennen.

Es gibt unzählige Möglichkeiten mit Gott in Kontakt zu bleiben – Sie kennen sich da viel besser als, das ich Ihnen eine Typberatung geben könnte.

Und je mehr wir an unserer Beziehung arbeiten, desto mehr erfüllt uns auch diese Beziehung. Denn Gott ist zu jeden Schritt mit uns bereit. Er weicht nicht von unserer Seite, selbst wenn wir im grauen Alltag baden gehen. Wenn wir unsere Beziehung zu Gott bewusst wahrnehmen, dann bleibt auch Ostern mehr als nur ein Sonntag im Jahr. Denn die Freude und die Hoffnung, die Ostern ausmacht, ist fester Bestandteil von Gottes Beziehungsangebot an uns. Das nimmt er nicht zurück.

Er verspricht uns jeden Tag: Du bist niemals allein – wenn du mich suchst, findest du mich.

Er verspricht uns: Nichts in der Welt soll dich gefangen nehmen – wie wir es im Taufspruch (1Kor 6,12b) von F. gehört haben.

Er verspricht uns: Es gibt nichts, was Macht über dich haben soll. Nicht einmal der Tod ist so mächtig, dass du davor Angst zu haben brauchst.

Trauen Sie dieser Beziehung, liebe Gemeinde, pflegen Sie sie genau so wie zu ihren geliebten Menschen.

Denn diese Beziehung kann sie durch alle Krisen tragen.

Die Psalmen im Alten Testament sind genau solche Beziehungstexte. Hier streiten Menschen mit Gott, mit guter Streitkultur, hier klagen Menschen Gott an oder weinen sich bei Gott aus. Und sie sagen, was ihre Beziehung zu Gott ausmacht. Einer der schönsten Beziehungstexte ist Psalm 139. Dort steht:

HERR, du erforschest mich und kennest mich. 2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. 3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. 4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. 5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. 11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, 12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

 Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt im Workout-Jugendgottesdienst (Gütersloh)

26. April 2014

Ein Tag im Leben der Jünger – Markus 6 erzählt

 

Der Text um den es heute gehen soll steht im 6. Kapitel vom Markusevangelium. Es geht um die Jünger Jesu und was sie mit ihm allein an einem Tag alles erleben. Das Kapitel ist relativ lang – oder man könnte auch sagen, an dem Tag passiert wirklich viel. Und die Jünger Jesu sind irgendwie immer mit von der Partie, auch wenn sie nicht immer im Mittelpunkt stehen.

 

Ich habe bei meiner Vorbereitung lange überlegt, wie ich näher an die Jünger Jesu herankomme, wie sie ein bisschen verständlicher werden. Da dachte ich mir, wie man wohl heute das Kapitel 6 aus dem Markusevangelium erzählen würde. Mit unseren Mitteln. Und ich vermute, es wäre entweder als Doku-Soap auf RTL II oder als Gallileo Spezial auf Pro7 ausgestrahlt worden. Ich stelle mir das ungefähr so vor:

 

Ein Blitz zuckt über den Bildschirm des Fernsehers und erhellt die dunkle Szene, der Donner folgt unmittelbar und übertönt den prasselnden Regen, der auf das kleine Fischerboot heruntergeht. Wahrscheinlich läuft dazu dramatisch das Thema vom Fluch der Karibik. Wie ein Blatt im Fluss wird dieses kleine Boot in den meterhohen Wellen hin- und hergeschleudert. Wieder ein Blitz. Im grellen Licht sehen wir die Männer auf dem Boot verzweifelt gegen den Sturm ankämpfen. Es ist eine Gruppe von 12 Männern, soviel kann man erkennen. Und man sieht, dass sie nicht unerfahren auf dem Wasser sind. Es sind Fischer unter ihnen, die an Seilen zerren und versuchen das schmale Segel zu kappen. Ihre Muskeln spannen sich zum Zerreißen, doch die Naturgewalten sind mächtiger. Ein Teil der Gruppe klammert sich auch einfach nur an der Reling fest und bemüht sich, die Fischbrötchen im Magen zu behalten. Der Kampf gegen die Wellen scheint hoffnungslos. Ein absoluter Tiefpunkt, vielleicht sogar der Endpunkt nach einem langen, langen Tag.

Eine Rückblende: 20 Stunden zuvor. Die Sonne ist gerade aufgegangen und vom Sturm am Abend ist noch nichts zu ahnen. Die jungen Männer, die wir eben auf dem Boot sahen, stehen nun am Ufer des Sees Genezareth in Israel. Kaum einer von ihnen ist älter als dreißig. Sie sind kräftig gebaut, Handwerker und Fischer. Sie stehen immer noch in ihren Zweiergruppen zusammen und drängen sich um Jesus. Schon jetzt sind die Männer erschöpft. Sie sind mit vielen anderen von einer langen und anstrengenden Reise wiedergekehrt. Doch die Erschöpfung ist nicht so schlimm, denn sie waren erfolgreich gewesen. Jesus hatte sie losgeschickt. Er hatte ihnen einen wichtigen Auftrag zugetraut. Darauf waren sie stolz, denn sie hatten Verantwortung bekommen. Ihre von der Reise schmutzigen Gesichter strahlen, als sie Jesus wiedersehen: „Du ahnst, nicht, wie die Leute geschaut haben, als wir angefangen haben die Kranken zu heilen!“, platzt es aus Petrus heraus: „Dann haben sie auch auf unsere Botschaft gehört! Ich sage dir – du ahnst es nicht!“ Der braungebrannte Fischer mit dem vorlauten Mund ist einer der besten Freunde von Jesus. Und er kann seine Klappe nicht halten. Er ist immer so schnell begeistert und posaunt seine Begeisterung ungebremst heraus. Das weiß auch Jesus und muss grinsen. „Wie schön, Petrus, es freut mich, dass ihr auf der Reise den Menschen helfen konntet.“

„Ja klar – und was war der Dank?“, mault Judas leise im Hintergrund – er ist hauptsächlich genervt. Sowohl von Petrus, als auch von der langen Reise: „Wir durften ja nicht mal Geld für unsere Hilfe nehmen. So geht doch das ganze Geschäft kaputt…“

Er hatte sicher Recht. Denn Jesus hatte ihnen eingeschärft, dass es nicht um ihren Ruhm gehen soll oder um Luxus. Es gab nichts zu gewinnen und die Armut und das einfache Leben passte manchen der Männer nicht – ganz bestimmt nicht Judas. Er hoffte, dass Jesus endlich seinen Worten Taten folgen lassen und die Römer aus Israel vertreiben würde. Es war doch nicht zu viel verlangt, so ein kleines Land zu erobern! Er wollte doch nur ein klein bisschen Macht für sich selbst. Außerdem war er einfach nur müde und kaputt.

So ging es auch den anderen und deshalb zeigte Jesus auf ein Boot am Ufer: „Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.“

Doch Jesus ist ein Star in der Gegend. Die Leute haben gemerkt, dass er die Kraft hat zu heilen. Dass er gut reden kann, dass er über die wichtigen Dinge redet und nicht nur plappert. Deshalb blieb ihre Abfahrt natürlich nicht unbeobachtet und eine riesige Menschenmenge erwartete sie bereits, als sie an ihrem eigentlich ruhigen Plätzchen anlegten. Thomas schlug vor, einfach woanders hin zu fahren: „Hier ist ja mehr los als in Jerusalem! Ich bezweifle schon sehr, dass wir hier einen ruhigen Ort zum Ausruhen finden.“

Doch Jesus ist schon ausgestiegen. „War ja klar“, seufzt Judas, „und wahrscheinlich hängen wir jetzt hier den ganzen Tag fest…“

Zack – wieder ein Schnitt, schnitttechnisch klischeehaft mit einem Blitz. Wir sind wieder mitten im Sturm. Das Boot ächzt gewaltig. Andreas, der große Bruder von Petrus, ein Mann mit einer Figur wie Brad Pitt in Troja, schreit gegen die Wassermassen an, während er versucht mit beiden Händen das Ruder festzuhalten. „Das Boot packt es nicht! Wir müssen hier raus!“ Er ist der Erfahrenste von den Fischern und deutet das Krachen des Bootes richtig. „Kann einer von euch das Land sehen?! Wenn das Boot zerreißt müssen wir versuch…“ Der Schrei geht in einem weiteren Donnergrollen unter! Levi beginnt zu weinen. Er krallt sich in das glitschige und kalte Holz des Bootes. Er wollte doch nur bei Jesus sein. Ihm zuhören. Von ihm Lernen. Er wollte nicht mitten auf diesem dämlichen See sterben. Ihm ist jetzt nur noch speiübel und langsam verlassen ihn seine Kräfte. Er hatte häufiger tote Fischer gesehen, die vom Sturm auf dem See erwischt worden waren. Er hatte den Anblick nie gut ertragen. Panik und Tränen stehen ihm in den Augen, als er etwas zwischen den Wellen sieht. Ein weißer Fetzen mitten im pechschwarzen Tosen. „Verflucht! Ich sehe schon die Geister der Ertrunkenen. Jetzt ist es aus mit mir.“ Er kneift die Augen fest zusammen und betet und weint und krallt und betet.

Wieder ein Blitz, Levi zuckt mit dem ganzen verkrampften Körper zusammen. Da hört er Thomas ungläubig neben sich rufen: „Da ist ein Geist! Der schwebt übers Wasser!“

Levi öffnet die Augen und sieht, das Thomas mit seinem Finger in die selbe Richtung zeigt, in der er eben selbst etwas gesehen hatte– er war also nicht allein mit seiner Halluzination. Und trotz der Naturgewalten schauen auch die anderen Jünger in die Richtung. Für einen kurzen Moment weicht die Angst ums Überleben der Angst vor dem Gespenst. Sie schreien wie kleine Schulmädchen und übertönen mit ihrem Kreischen tatsächlich den nächsten Donnerschlag. Und mitten in die Panik hören sie eine ruhige Stimme, die ihnen wohl vertraut ist: „Habt keine Angst! Ich bin es doch! Fürchtet euch nicht!“

Wieder ein Schnitt, der Regisseur ist wohl ein großer Freund der dramatischen Unterbrechungen und epischer Rückblenden – vielleicht auch ein bisschen zu sehr von How I met your Mother geprägt.

Es dämmert. Stimmengewirr liegt in der Luft. Tausende Menschen lagern sich auf dem Boden. Wie ein riesiges Heerlager, denkt sich Judas, während er mit müden Füßen zu Jesus stapft. Natürlich hatte er wieder einmal Recht behalten. Sie hatten überhaupt keine Ruhe bekommen. Jesus hatte den ganzen verdammten Tag lang zu den Menschen geredet. Weil er Mitleid mit ihnen habe, hatte er gesagt. Quatsch, dachte Judas. Diese Menschenmasse musste man bewaffnen und endlich das Land befreien! Ständig den Wohlwollen der Römer ausgesetzt zu sein. Den Besatzern! Fremden in ihrer Heimat! Doch Jesus hatte zu ihnen von Gottes Liebe erzählt. Davon, dass wir sogar unsere Feinde lieben sollten. Judas hatte davon Kopfschmerzen bekommen. Und dann war es spät geworden und Andreas hatte Jesus vorgeschlagen die Menschen nach Hause zu schicken. Sie waren alle furchtbar hungrig und der Weg nach Hause für die Meisten in der Menge weit. Doch Jesus hatte widersprochen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Die Jünger waren aufgeregt und hatten wild durcheinander auf Jesus eingeredet: „Woher sollen wir denn für so viele Leute essen besorgen?“, fragte Thomas. „Weißt du eigentlich, wieviel Geld das kosten würde“, rief Judas entrüstet. „Sollen wir jetzt für die Leute losgehen und sie auch noch füttern?“

Doch Jesus war ruhig geblieben und hatte sich das Essen, das sie dabei hatten geben lassen. Es waren nur fünf Brote und zwei Fische gewesen. Für die Jünger hätte es gerade so gereicht. Doch Jesus nickte und schickte die Jünger los, ein Lager zu organisieren. Nun kam Judas mit den anderen Jüngern bei Jesus an und meldete, dass sie die Menschenmenge in Gruppen aufgeteilt hatte. Was dann passierte, konnte keiner der Jünger erklären. Denn alle wurden satt. Jesus teilte Brot und Fische und alle bekamen genug. Wie er es gemacht hatte, verstanden sie nicht. Nur dass er es gemacht hatte war klar. Sie hatten ihn schon so oft Menschen heilen sehen. Sie hatten die Kraft und die Liebe, die von ihm ausging schon so häufig gespürt. Doch diesmal war es ganz anders beeindruckend. Das war nicht bloß ein Handauflegen oder ein gut zureden. Jesus hatte mit nichts tausende Menschen satt bekommen. Sogar die knurrende Mägen der Jünger waren besänftigt. Hätten sie geahnt, was ihren Mägen noch bevorstand, hätten sie vielleicht weniger gegessen. „Wie macht er das?“, fragt Thomas als die Jünger gerade dabei sind, die Reste mit Körben einzusammeln. „Ich glaube, er ist wirklich Gottes Sohn,“ meint Petrus, „was er sagt ist wahr!“ Er strahlt vor Glück. Er hat keine Zweifel mehr.

Es blitz wieder. Diesmal ist Petrus‘ Gesicht im Regen und Gewitter grau verzerrt. Doch er erkennt die Gestalt auf dem Wasser. Das ist Jesus! Vertrauen durchströmt ihn. Die Todesangst weicht und Hoffnung steigt in ihm auf. Er lässt das Tau los, an dem er eben noch gezogen hatte und versucht sich im schwankenden Boot aufzurichten. Ein Gedanke kommt in ihm auf und er schreit Jesus im Sturm entgegen: „Herr, wenn du es wirklich bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen.“ „Komm her!“, antwortete Jesus, der auf den Wellen steht und ihm die Hand entgegenhält. „Bist du bescheuert?!“, schreit ihm sein Bruder Andreas zu und versucht mit aller Kraft das Boot gerade zu halten. Alle anderen scheinen den Sturm, das Gewitter und die Wellen für einen Moment vergessen zu haben. Petrus erscheint alles ganz still. Ruhe und Frieden breiten sich in ihm aus. Er sieht in Jesu Gesicht, er spürt das Vertrauen, dass Jesus in ihn setzt. Er hebt sein Bein über den Rand des Bootes und tritt auf das Meer. Die Jünger im Boot starren ihn mit aufgerissenen Augen und Mündern an. Levi kann gar nicht hinsehen. Andreas schreit ihm etwas zu.

Er findet Halt. Petrus tritt auf den See und geht einen Schritt auf Jesus zu. Glück durchströmt ihn. Die gewaltige Kraft der Natur, die ihn umgibt scheint klein und unbedeutend. Nichts kann ihn gefährden. Er ist sicher, denn Jesus vertraut ihm und Petrus glaubt.

Wasser schlägt ihm ins Gesicht. Kaltes, salziges Wasser. Petrus schüttelt seinen Kopf, wie aus einem Traum erwacht erkennt er die Gefahr, in der er schwebt. „Idiot!“, denkt er bei sich. Die Wellen schlagen höher und höher. Das Wasser unter ihm brodelt schwarz und bedrohlich. Petrus sieht nur noch die Gefahr und verliert den Halt. Er spürt, wie das Wasser unter ihm nachgibt. Nun stirbt er. Er schreit: „Herr, hilf mir!“

Und Jesus ist bei ihm. Sofort, noch im selben Atemzug greift er nach Petrus‘ Hand und hält ihn. Mit ruhiger, aber auch trauriger Stimme sagt Jesus: „Hast du so wenig Glauben, Petrus? Vertrau mir doch!“ Sekunden später sind sie im Boot. Und Stille kehrt ein. Der Sturm ist verschwunden, die Wellen beruhigen sich langsam. Petrus kauert auf dem Boden des Bootes. Die Jünger wissen nicht, wie ihnen geschehen ist. War das ein Traum? Hatten sie das wirklich erlebt. Und was für ein Mensch ist dieser Jesus? Sie fürchtete sich vor dem Mann, der eigentlich ihr Freund war. Was für eine Macht war das? Und wie sollten sie ihm begegnen?

Als das Boot kurze Zeit später das Land erreicht, steigt Jesus aus und nimmt sich der Menschen an, die ihn bereits erwarten. Er verliert kein Wort über das, was gerade geschehen war und alle, die ihn berührten, wurden gesund.

Im Zeitraffer sehen wir nun die Geschichte Jesu weiterlaufen. Wir sehen, wie sich die Jünger streiten, wer der Beste unter ihnen ist. Wir sehen, wie Judas von Jesus enttäuscht ihn an seine Feinde für Geld verrät. Wie Petrus gegen jedes Versprechen so tut, als würde er Jesus nicht kennen um sich selbst zu retten. Wie alle Jünger vor Angst verschwunden sind, als Jesus gekreuzigt wird. Wie sie nicht glauben können, dass er nicht mehr tot sein soll, wie ihnen es die Frauen erzählen. Dann hält die Szene noch einmal kurz an.

Die Jünger sitzen verzweifelt und traurig beisammen. Ihre Hoffnungen und Träume sind geplatz. Judas ist tot, Petrus ein Schatten seiner selbst. Denn Jesus ist tot. Sie haben ihn begraben. Sie fühlen sich schlecht. Sie haben versagt. Und sie sind empört über die Lügen der Frauen, die ihnen einreden wollen, dass Jesus lebt. Gerade essen sie zusammen. Da spüren sie die Wärme und Kraft, die sie in den letzten Wochen so häufig erlebt hatten und Jesus ist bei ihnen. Er ist wieder, wie bei Petrus am See traurig und ernst. Er fragt, warum sie immer noch zweifeln, wo ihr Glaube ist.

Dann gibt er ihnen den Auftrag erneut, der sie an jenem Tage mit so viel Stolz über das Vertrauen erfüllt hatte: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet allen Menschen die rettende Botschaft. Denn wer glaubt und getauft ist, der wird gerettet werden. […]“

Diesmal gehen die Jünger und kehren nicht zurück um zu berichten. Sie gehen und glauben.

 

So etwa mag es gewesen sein. Zumindest ist es nah an dem, was uns überliefert wurde – auch wenn Judas vielleicht ein bisschen anders rüberkommt. Die Jünger waren einfache Menschen. Junge Männer – selbst Jesus war erst knapp über dreißig, als er starb. Diese Männer gaben alles auf um Jesus nachzufolgen. Doch sie blieben auch immer Zweifler. Obwohl sie Jesus täglich zusehen konnten, obwohl sie ihn fragen konnten, kamen immer wieder Neid, Angst, Trotz und Versagen bei ihnen auf. Sogar bei ihnen. Der stärkste von ihnen Petrus, hat wohl am häufigsten versagt. Und trotzdem bekamen sie am Ende Jesu Vertrauen und ihren Auftrag. Sie wurden die Boten seiner Botschaft, ganz unterschiedlich, jeder auf seine Art.

Und ich glaube, dass es unwichtig war, wie oft sie zweifelten und versagten. Denn Gottes Liebe kannte alle ihre Fehler und Schwächen, genauso wie Gott unsere Fehler und Schwächen kennt. Liebe ist nicht an Leistung gebunden. Gottes Liebe bleibt uns immer, auch wenn die Wellen hoch über uns einschlagen und wir nicht mehr weiter wissen. Jesus ist da, wenn wir rufen: „Herr, hilf mir.“ Das bleibt.

Predigt zu Quasimodogeniti (27.4.2014)

26. April 2014

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Alten Testament beim Propheten Jesaja. Es war der erste Lesungstext, den wir eben gehört haben. Zur Erinnerung lese ich ihn nun noch einmal. Er steht im 40. Kapitel, die Verse 26-31:

Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde,

wie wirkt der Predigttext auf Sie? Welche Stimmung scheint er für Sie zu haben? Und was bleibt erst einmal hängen? (nach dem Gottesdienst gern im Gespräch)

Mir sind besonders zwei Worte aufgefallen, die den Text durchziehen: Müdigkeit und Kraft. Doch dazu gleich mehr, denn nicht nur thematisch geht es um Kraft, sondern mir erscheint der Text auch in seinem Tonfall unglaublich energiegeladen und kraftvoll.

Gleich mit einem Wachrütteln beginnt der Prophet seinen Ruf an seine Hörer: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Er reißt die Menschen aus ihren Kontexten und aus ihrer Lebenssituation heraus. Wohin ihr Blick bis eben auch gerichtet war – jetzt sollen sie sich auf etwas anderes Konzentrieren. Denn sie sollen nicht nur mit müdem Blick den Kopf heben, sondern sie sollen sehen! Im ersten Vers werden wir sofort aufgefordert aktiv zu werden. Und wir werden auf nichts belangloses hingewiesen, sondern der Blick soll sich auf den Himmel richten. Auf den unendlichen Sternenhimmel, auf Wolken und die Luft.

Ich finde es immer wieder fantastisch einen klaren Sternenhimmel zu sehen. Selten sonst bekommt man im städtischen Umfeld sonst so klar das Gefühl von Unendlichkeit. Vom Himmelszelt geht eine Erhabenheit und Ruhe aus, wie ich sie auch vom Meer kenne.

Wer hat dies geschaffen? So fährt der Predigttext fort. Es ist eigentlich keine ernstgemeinte Frage, sondern viel mehr eine Erinnerung für uns Hörer. Und auch wenn wir durch heutige naturwissenschaftliche Erkenntnisse vom Urknall, von der Ausdehnung des Weltalls und über die Beschaffenheit der Himmelskörper eine nüchternere Sicht auf die Sterne bekommen haben, lässt sich trotzdem für mich daran festhalten, dass all dies nicht bloß existiert, sondern jeder einzelne Stern, jeder Planet und damit auch die Erde und jedes Wesen darauf von Gott gewollt und geliebt ist. Es ist mühselig sich in den Schaukampf zwischen Naturwissenschaft und Religion einzumischen und meiner Meinung nach auch vollkommen unnötig. Denn bloß weil wir besser erklären können, wie alles sich entwickelt hat und woraus es besteht, kann ich doch trotzdem daran festhalten, dass es in Gottes Ewigkeit genau so in seinen Plan mit uns gehört. Ich werde sogar noch demütiger, wenn mir die Ausmaße des Universums bewusst werden und die unglaublichen Zeitspannen, die seit der Entstehung des Lebens vergangen sind. Da frage ich schon vorsichtig mit Psalm 8: Wer ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Wer bin ich schon, dass Gott mich in dieser Unendlichkeit wahrnimmt? Denn dass Gott uns wahrnimmt, daran lässt Jesaja keinen Zweifel: Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Wie es auch noch häufig an anderen Stellen heißt: Gott kennt jeden einzelnen mit Namen, liebe Gemeinde. Ich merke, gerade weil ich neu in dieser Gemeinde bin, wie schwer es mir fällt, die vielen neuen Namen zu lernen und mir zu merken. Trotzdem sind die Namen wichtig, denn sie gehören ganz fest zu uns – und Gott kennt sie alle. Ähnlich wie der Blick in den Sternenhimmel erfüllt mich auch dieser Gedanke mit Ehrfurcht. Und genau dahin führt der Predigttext bewusst. Er erinnert an Gottes Größe, die unvergleichlich ist, an seine Kraft und seine Macht, die nicht mit irdischen Maßstäben zu messen ist. Diese Majestät Gottes überbietet jeden irdischen Herrscher, denn Gott ist auch Herr über Himmel und Erde. Und während irdische Herrscher den einzelnen Untertanen oder Bürger schnell aus dem Blick verlieren je stärker ihre Macht zunimmt, bleibt Gott den Menschen nahe. Dass unser Gott trotz seiner Machtfülle bereit ist für jeden einzelnen von uns zu sorgen, daran will Jesaja erinnern, bevor er sich den Kritikern stellt, die ihm damals begegneten. Er zitiert sie in diesem Text, doch er rüttelt die Menschen auf, bevor er sie in ihrer Krise anhört. Bevor er ihre Situation betrachtet, erinnert er an Gottes Kraft und seine Nähe zu uns. Und diese Energie scheint er auch zu brauchen, denn die Kritik ist hart und die Stimmung, in der die Menschen zu sein scheinen, ist bedrückend. So zitiert Jesaja die Kritiker:

»Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber« So ist die Klage, der sich Jesaja stellt. Und auch wenn die Formulierung etwas alt wirkt, ist der Kern dieser Frage auch heute noch sehr präsent. Denn man könnte auch so formulieren:

„Wo ist Gott in meinem Leben? Es kümmert ihn nicht, wie es mir geht! Wenn mir Unrecht geschieht – es ist Gott doch egal.“

Liebe Gemeinde,

neben der Kritik an Gott klingt da für mich deutlich eine Krise durch, die nicht nur auf Gott bezogen ist. Wir Menschen haben nämlich leider häufig die Angewohnheit, Gottes Interesse an uns in Frage zu stellen, wenn wir in Krisen geraten. Wie auch immer diese aussehen mögen. Ich habe noch nie gehört: „Mir geht es so gut und alles läuft nach Plan – wo ist da Gott in meinem Leben?!“ Der Prophet Jesaja begegnet also mit geballter Kraft Menschen in einer Krise. Diese Krise scheint zu einer tiefen Resignation geführt zu haben. Gott sieht mich nicht – das klingt nach Abschluss und nach Hoffnungslosigkeit. Und es klingt erschöpft, traurig und müde. Deshalb musste er sie am Anfang auch noch einmal wachrütteln und deshalb fährt er auch ohne die Spur eines Zweifels kraftvoll fort: Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Nun ist die Müdigkeit auch direkt benannt. Auch wenn in der Klage kein Wort von Müdigkeit und Mattheit vorkam, weiß Jesaja, wo die Not beheimatet ist. Er formuliert ohne Zweifel: Gott, wird nicht müde noch matt! Er gibt Kraft und Stärke den Müden und Kraftlosen.

Die Müdigkeit, die hier anklingt, hat nichts mit Schlafmangel zu tun. Denn gegen Schlafmangel können wir selbst etwas tun – auch ohne göttlichen Beistand. Die Müdigkeit, die hier zum Thema wird, ist das schleichende, kraftraubende Gift, dass nicht nur den Körper, sondern auch den Geist und die Seele in die ohnmächtige Müdigkeit zwingt. Modern würden wir wahrscheinlich von Depression oder Burnout sprechen. Denn auch wenn diese Begriffe neu sind – das Phänomen ist so alt wie die Menschheit selbst. Gerade deshalb können wir ja auch heute diesen Text zu uns sprechen lassen. Denn es geht nicht um ein längst vergangenes Thema, sondern es geht um uns. Um unsere Erfahrung mit Erschöpfung. Um unsere Gefühle der Hilflosigkeit. Um uns, wenn wir wie gelähmt vom Gift der Depression, trotz innerer Unruhe erstarren. Eine englische Studie behauptet, dass jeder Mensch in seinem Leben mindestens eine leichte depressive Phase erlebt – und viele Menschen mit ernsthaften Depressionen leben müssen oder depressive Angehörige erleben. Der Resignation, die sich dann häufig einstellt, tritt Jesaja entgegen. Er rüttelt an uns, wenn wir nur noch enttäuscht von Gottes Ferne sprechen und klagen. Wo Menschen in ihrer Kraftlosigkeit keinen Halt mehr erkennen, ruft Jesaja: Hebt eure Augen! Seht! Hört! Und ihr wisst auch: Gott gibt euch Kraft!

Menschen können einer Depression wenig entgegensetzen und es ist genauso anstrengend jemanden in dieser Gefühllosigkeit zu begleiten. Es ist dasselbe Grau, in dem sich die Jünger in der Evangeliumlesung (Joh 20) befanden, bevor sie dem auferstandenen Jesus begegneten. Es sind die Zweifel an seiner Gegenwart und ein Zweifel daran, dass Gott tatsächlich – wirklich – für uns da sein will. So wie Thomas Beweise fordert und sich nicht aus dem Grau seiner Traurigkeit und Verzweiflung von anderen helfen lässt: Erst, als ihm Jesus direkt begegnet, wird er befreit und hoffnungsvoll. Auch für ihn gilt das Wort von Jesaja: Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde,

ich kann mir kein kraftvolleres Bild vorstellen, als den ersten Flügelschlag eines Adlers. Die geballte Energie, die den wunderschönen Greifvogel in die Lüfte hebt. Die ihn mit Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit vom Boden löst und in den Himmel aufsteigen lässt. Diese Kraft gibt uns Gott, der uns eben nicht aus dem Blick verliert. Diese Kraft gibt er uns, dem jeder einzelne Mensch wichtig ist. Daran erinnert uns Jesaja mit dem heutigen Predigttext. Daran erinnert Jesus seine Jünger, als er ihnen nach seinem Tod begegnet. Denn wir lenken zu schnell den Blick zu Boden und auf das, was uns gefangen hält. Wir lassen uns gefangen halten und geben unserer Krise kraft, weil wir schnell bezweifeln, dass überhaupt jemand helfen kann. Der Blick ist auf dem Boden und die Schwerkraft scheint unüberwindlich in die Müdigkeit zu ziehen.

Ich wünsche ihnen und mir selbst, liebe Gemeinde, dass in solchen Momenten der Weckruf Jesajas zu uns vordringt. Dass wir den Blick vom grauen Boden unserer Resignation aufheben und sehen, fühlen und hören, dass Gott uns neue Kraft gibt. Eine Kraft, die uns in die Luft hebt wie der Flügelschlag eines Adlers. Mit dieser Kraft ist der erste neue tiefe Atemzug möglich. Wenn wir den Blick heben, dann sehen wir mehr, als nur unser Leid. Wenn wir den Blick heben und tatsächlich schauen, dann erkennen wir Menschen, denen wir etwas bedeuten. Dann können wir Gottes Schöpfung in ihrer ganzen Pracht sehen. Dann können wir uns wieder der Ehrfurcht und der Dankbarkeit öffnen, die uns beim Anblick der Welt ergreift. Wenn wir unseren Blick von uns abwenden und auf Gottes Werk schauen, dann bekommen wir den Abstand zu uns um eine neue Perspektive zu bekommen. Dann sehen wir nicht nur uns, sondern auch, dass Gott uns sieht. Er kennt uns beim Namen. Er kennt unser Herz, unsere Gedanken und Sorgen. Er weiß, was uns lähmt und müde macht. Er hat Kraft ohne Ende und lässt uns daran teilhaben. Er liebt uns. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt zu Karfreitag

19. April 2014

Predigt zu Jes 53,1-12

GNADE SEI MIT EUCH UND FRIEDE VON GOTT, UNSERM VATER, UND DEM HERRN JESUS CHRISTUS. AMEN.

 

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Karfreitag steht im Alten Testament. Wir haben ihn eben in der ersten Lesung bereits gehört. Er steht beim Propheten Jesaja im 53. Kapitel und ist etwa 500-600 Jahre vor Jesu Geburt entstanden.

Da mag es ja erstaunen, dass am Karfreitag, dem Todestag Jesu, ein Text festgelegt wurde, der aus einer Zeit stammt, die weit vor dem Leben Jesu liegt. In der christlichen Tradition wurde dieses Prophetenwort immer eng mit dem Leiden und Sterben Jesu verbunden und viele Menschen waren und sind auch überzeugt, dass dieser Text prophetisch von Jesus und seinem Tod am Kreuz spricht.

Liebe Gemeinde,

diese Vorstellung teile ich nicht. Der Verfasser des Textes war erfüllt von seiner Beziehung zu Gott, er schrieb, was er von Gott erfahren hatte und erlebte.

Doch er konnte Jesus noch nicht kennen.

 

Auch die Juden schätzen diesen Text sehr hoch – ohne ihn dabei auf Jesus von Nazareth zu beziehen.

Sicher: auch die Evangelisten kannten ihn und waren von seiner Bedeutung für Jesu Lebensende überzeugt. Aber genügt das, um ihn auch am Karfreitag zu predigen? Verbietet es sich vielleicht sogar, den Text auf die Passion und den Tod Jesu zu beziehen?

 

Dieser Frage habe ich mich intensiv bei der Vorbereitung der Predigt gestellt. Und ich war sehr versucht den Predigttext zu wechseln und einen der Passionsberichte aus dem Neuen Testament zu nehmen.

Doch dann mir fiel ein Vergleich ein, der mir sinnvoll erschien und der mir selbst einen ganz neuen Zugang zu diesem Text verschafft hat.

Diesen Vergleich werde ich Ihnen nun vorstellen, liebe Gemeinde, ich muss nur kurz etwas ausholen:

Sie alle kennen Lieder, Sie hören Musik. Sie haben Lieblingslieder, Songs die Sie an etwas erinnern. Es gibt bei Hochzeiten häufig „unser Lied“. Ein Lied, dass etwas Besonderes bedeutet, für die Menschen, die damit etwas Besonderes verbinden. So kann ein Lied von der Liebe zu einer Person handeln und mit seinen Worten und der Melodie genau die Gefühle und Stimmung ausdrücken, die man selbst gerade hat. Ein Lied kann dann mehr sagen als tausend Worte. So wird „ein“ Lied ganz schnell zu „mein“ Lied und der Text beschreibt mich und meine Gefühle manchmal besser, als es mir selbst möglich ist. Deshalb können Lieder ja auch trösten, glücklich machen und an längst vergangene Ereignisse erinnern.

Doch auch wenn der Text eines bestimmten Liedes genau in unsere Lebenssituation hineinpasst – wir haben ihn doch nicht geschrieben. Er wurde auch nicht für uns geschrieben und auch nicht für unsere Situation.

Das ändert aber überhaupt nichts daran, dass der Liedtext passt und dass er unsere Situation in eine neue Perspektive rückt.

Denn jeder hört dasselbe Lied ganz anders. Schalten Sie mal beim Krimi den Ton aus – es wird gleich weniger spannend.

Und je nach Situation kann ein Lied auch eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Bei Beerdigungen habe ich erlebt, dass beim eingespielten Lieblingslied der Verstorbenen die Angehörigen besonders stark ihren Gefühlen ausgesetzt waren. Selbst die beste Ansprache konnte die verstorbene Person nicht so treffend beschreiben, wie dieses eine Lied.

 

Und dieser Gedanke passt für mich ganz wunderbar zu dem heutigen Predigttext.

Denn der Zusammenhang, in dem er entstand war – wie gesagt – ein ganz anderer. Er war ursprünglich für uns fremde und unbekannte Personen geschrieben. Und dennoch passt er so genau auf das, was am Karfreitag in Jerusalem vor fast 2000 Jahren geschah, wie „mein Lied“ zu mir passt.

Und nicht nur das – wir haben wie bei einem Lied auch bei dem Predigttext aus dem Propheten Jesaja ebenfalls die Möglichkeit zu spüren, was wir in dem Text hören, wie er sich für uns selbst mit Jesus verbindet und auch, wo wir uns selbst im Text erkennen.

Ich lese noch einmal den ersten Teil des Textes:

1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Dieser Teil wirkt auf mich wie ein ständiges Hin und Her. Auf der einen Seite der Leidende und auf der anderen Seite die Menge. Mit dem Blick auf Jesus am Karfreitag bekommt der Text eine bedrückende Tiefe. Immer wieder betont der Prophet: Er war verachtet. Er trug Krankheit, er erlitt unsere Schmerzen, er war Verachtet und Unwert.

Und auf der anderen Seite: Wir sahen keine Gestalt, die uns gefiel; wir haben ihn für nichts geachtet; wir waren überzeugt, dass er seine eigene Schuld trug und dafür leiden musste. Und schließlich: auf das wir Frieden hätten – wir sind geheilt.

Es beschreibt sehr gut die Situation der Kreuzigung Jesu. Der Spott und die Missachtung des Unschuldigen. Der Hohn und das Unverständnis gegenüber einem jungen Mann, der für seine Botschaft bereit war zu sterben.

Wir haben das Glück, dass wir nicht wissen können, wie wir selbst uns unter dem Kreuz verhalten hätten. Doch können wir sicher sein, dass wir nicht auch gespottet und missachtet hätten? Können wir uns dem Geschilderten entziehen? Sind wir im Leben immer so umsichtig, so weitsichtig, dass wir uns kein Urteil über andere bilden?

Ich merke immer, wenn ich Berichte über den zweiten Weltkrieg sehe oder lese, dass ich beklommen feststelle, wie froh ich bin, nicht gelebt zu haben. Weil ich mich nicht entscheiden musste, wie ich zu diesem Regime und seinen Taten stand. Ich habe nicht den Gruppendruck und die tatsächliche Gefahr erlebt, die Widerstand bedeutete. Heute mit so viel Abstand ist es für mich leicht zu sagen, was richtig und falsch ist und wie grauenvoll die Taten der Nationalsozialisten waren. Genauso wie ich heute sagen kann, dass die Hinrichtung Jesu falsch und ungerecht war.

Aber ich merke, dass ich nicht sicher sein kann, wie ich mich verhalten hätte. Wenn meine Familie in Gefahr gewesen wäre, hätte ich dann trotzdem für Recht und Gerechtigkeit gekämpft?

Erkenne ich mich in den Worten des Predigttextes wieder? Erkennen Sie sich wieder?

Der Predigttext fährt allumfassend fort: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“ Wir alle.

Erst regt sich Widerstand bei mir. Ich gehe doch nicht Irre! Und ich bin kein dummes Schaf.

Doch auf den Widerstand folgt der Zweifel. Bin ich wirklich so gut orientiert im Leben?

Ich achte natürlich auf meinen Weg – ich plane mein Leben. Ich bin verantwortlich für mich und auch für meine Liebsten – meine Familie und Freunde. Darauf achte ich natürlich.

Aber gehe ich vielleicht dabei in die Irre?

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.

 

Ich kenne meine dunklen Gedanken. Ich kenne auch meine Fehler. Ich weiß, wo ich eigensinnig war, wo ich auf meinen Vorteil bedacht war. Ich weiß, wo ich vergessen habe nach Gott zu fragen.

Wer ist schon ein Heiliger der nur nach Gottes Willen lebt? – ich ganz sicher nicht.

Ich verliere den Mann am Kreuz aus dem Blick und auch, was dieser Tod für mich bedeutet.

Ich gehe auf dem Weg zu Gott immer wieder in die Irre. Lasse mich von falschen Gedanken oder Wünschen lenken. Genau das nennt die Bibel Sünde. Es geht nicht um einzelne Handlungen oder Gedanken, die moralisch problematisch sind.

Sondern: Auf dem Weg zu Gott einen anderen Weg einzuschlagen – den Weg zur eigenen Herrlichkeit und Selbstbezogenheit – das ist Sünde.

 

Die Einsicht, liebe Gemeinde, dass ich ein Sünder bin ist schwer zu ertragen. Es ist unangenehm, fehlerhaft zu sein. Aber erst mit dieser Einsicht trifft mich der nächste Satz des Predigttextes: Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Dieser Mann am Kreuz vor 2000 Jahren starb und trug dabei alle meine Irrwege. Unvorstellbar. Wie soll dieser Mann etwas mir abnehmen, was ich noch gar nicht getan hatte?

Und wie furchtbar ist doch der Gedanke, dass ein Mensch sterben musste, weil ich ein Sünder bin! Sind wir Schuld am Tod Jesu?

Und wie Jesus den Tod auf sich nahm: Ohne Klage, ohne Vorwurf. Wieder findet der alttestamentliche Texte treffende Worte:

Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

Bereitwillig und ohne Klage. Diese Opferbereitschaft macht den Tod für mich noch belastender. Würde er doch klagen oder sich beschweren – aber er nimmt es an. Als wäre es gerecht. Als hätte er es verdient.

 

Liebe Gemeinde,

ich spüre, welche Last auf Jesu Schultern lag. Ich sehe Gottes Sohn am Kreuz und spüre meine Schuld, ich spüre meine Sünde, die er für mich trägt.

Genau in diesem Moment erfahre ich die Entlastung. Denn mit dem Blick auf das Kreuz, verliere ich mich selbst aus dem Blick. Mein eigener Erfolg und mein Streben nach Selbsterfüllung weicht dem Gefühl von Demut. Ich sehe diesen Mann, der für mich leidet. Wer auf den Gekreuzigten schaut, der vergisst sich selbst. Er konnte mir die Last abnehmen, weil er mir eine Alternative vorgelebt hat. Weil er mir bedingungslose Liebe gezeigt hat. Denn in diesem Tod steckt so viel Liebe zu uns. So viel Bereitschaft, alles für uns in Kauf zu nehmen um uns von dem Irrweg abzubringen. Jesus zeigt am Kreuz frei von allen Zweifeln, wie sehr Gott uns liebt. Wie sehr er uns von der Last, die wir immer wieder auf uns laden befreien will und auch befreit. Zu dieser Perspektive auf die Kreuzigung Jesu kam ich nicht durch die Passionsberichte im Neuen Testament. Sondern die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja haben mir diese Einsicht ermöglicht.

Nur dort finde ich auch die passenden und wunderbarsten Worte für das Geschehen auf Golgata: Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.

 

UND DER FRIEDE GOTTES, DER HÖHER IST ALS UNSERE VERNUNFT, BEWAHRE EURE HERZEN UND SINNE IN CHRISTUS JESUS. AMEN.

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